Selten wird in der hiesigen Medienlandschaft von Neuseeland berichtet, nur Tier- oder Landschaftsreportagen bekommen einen Sendeplatz am Nachmittag. Es muss schon etwas Außergewöhnliches passieren um das zu ändern:
„Erdbeben der Stärke 7,1 erschüttert Neuseeland“
„Notstand in Christchurch“
lauteten die Schlagzeilen der vergangenen Woche und der Schock saß tief. Die Nachrichtensender und Zeitungen überschlugen sich mit neuen Meldungen zur Katastrophe auf der Südinsel Neuseelands.
Im Land der langen weißen Wolke sind Erdbeben jedoch keineswegs eine Seltenheit, wie es nach den unzähligen Schreckensmeldungen den Anschein hat. Ganz im Gegenteil: Sie gehören im Grunde schon zum Alltag der Kiwis. 15000 Beben werden jährlich registriert, allerdings sind „nur“ 100-150 spürbar und weniger als zehn richten ernsten Schaden an.
Schaden in Millionenhöhe richtete schon 1855 das berüchtigte Wairarapa-Erdbeben, oft auch als Wellington-Erdbeben beschrieben, an. Wie der Name schon sagt lag das Epizentrum des Erdbebens etwa 20 km südöstlich der Hauptstadt, also fast genau zwischen Nord- und Südinsel. Hierbei kam es zu Landanhebungen von bis 6,4 m. Trotz der Stärke von 8,2 hielten die meisten Häuser stand, da sie vornehmlich aus Holz gebaut waren und Steine nur für den Schornstein benutzt wurden. Diese bauliche Empfehlung hatte ihren Ursprung in einem Erdbeben sieben Jahre zuvor, als der Großteil der Steinhäuser zerstört wurde. Einer jedoch wollte sich nicht daran halten: Ein Hotelier ließ seine Herberge im Zentrum der Hauptstadt aus Ziegelsteinen errichten und war ironischerweise das einzige Opfer, das Wellington zu beklagen hatte – begraben von den eigenen vier (Stein-)Wänden.
Das letzte beziehungsweise nun vorletzte starke Beben war das Dusky-Sound-Erdbeben, welches ziemlich genau vor einem Jahr stattfand und bis nach Sydney spürbar war. Dabei wurde die Südspitze Neuseelands 30 cm in Richtung Australien verschoben.
Aufzeichnungen über Erdbeben gibt es erst seit dem Jahr 1840, dem Beginn der europäischen Siedlungen, doch wurden frühere schwere Erdbeben von Māori zumindest mündlich überliefert. Diese machten in ihren Erzählungen und Legenden den Himmelsgott Rūaumoko und die Göttin der Erde, Papatūānuku, für die Erdbeben verantwortlich. In der Sprache der Maori heißt das Erdbeben rū, und das schwankende Land rū whenua. Nach der Besiedlung durch die Europäer wurden die Beben und Vulkanausbrüche nach Meinung der Māori heftiger den je und schoben ihnen somit die Schuld für Erdbeben zu.
Aber warum wird Neuseeland so häufig erschüttert? Das „schönste Ende der Welt“ ist Teil des zirkumpazifischen Feuerrings – ein Vulkangürtel, welcher den Pazifik umgibt und beinahe die gesamte Pazifische Platte umspannt. Im Osten der Nordinsel schiebt sich die Pazifische Platte unter die Australische Platte (Subduktion), weiter südlich gleiten sie aneinander vorbei. Ganz im Süden Neuseelands schließlich gestaltet sich der Vorgang genau anders herum, denn dort schiebt sich die Australische unter die Pazifische Platte. Diese Vorgänge der Plattentektonik sind daher nicht nur Ursache von Erdbeben, sondern auch von vulkanischen Aktivitäten wie am Mount Tangariro und Auffaltungen wie beispielsweise die Südalpen.
Ich selbst werde zunächst die Nordinsel bereisen und kann mir leider kein unmittelbares Bild der Folgen machen, jedoch wird der Wiederaufbau, vor allem in Christchurch, noch über ein Jahr dauern. Ich hoffe aber schon in wenigen Monaten von einem sichtbaren Erfolg berichten zu können!