11.Juli 2009
Tosender Kessel. Sprudelnder Vorhang. Weißblauer Wirbel.
„Donnerndes Wasser“ nannten die Indianer die Niagara-Fälle, denn gewaltige Wassermassen stürzen sich in die Tiefe und bilden wohl eines der schönsten Naturspektakel Nordamerikas.
285.000 Liter pro Sekunde für die knapp 250.000 Quadratkilometer großen fünf Great Lakes.
Die Großen Seen sind zwar ein riesiges, aber dennoch fragiles Ökosystem. Den Erie-See erklärten Wissenschaftler bereits vor Jahrzehnten für biologisch tot. Wir erinnern uns an John Maynard.
Die Provinz Ontario, in der ich mich gerade befinde, sowie die acht US-Bundesstaaten im Gebiet der Großen Seen bilden eine der wichtigsten Industrie- und Landwirtschaftsregionen Nordamerikas. So blieb das Wirken der gewaltige Produktionsanlagen der Autoindustrie, Bergwerken und Großfarmen im vergangenen Jahrhundert nicht ohne Auswirkungen auf die Umwelt. In den 70er Jahren begann die Öffentlichkeit zu realisieren, dass die Region ohne Rücksicht auf Verluste ausgebeutet worden war. Die Entsorgungspraktiken vieler Industriebetriebe hatten aus dem Lake Ontario eine halbtote, giftige Brühe gemacht. Der riesige urbane Raum mit etwa 33 Millionen Einwohnern war dabei, sich seiner Lebensgrundlagen zu berauben.
Die Probleme in den 80er Jahren waren so offensichtlich geworden, dass die Öffentlichkeit ein Umdenken erzwang. Es wurden Gremien gebildet, die versuchten, das Problem durch grenzüberschreitende Maßnahmen und Strategien zu lösen. Der Bau von Kläranlagen, neue Abwassertechnologien, strengere Vorschriften und Gesetze trugen dazu bei, den Anteil der chemischen Giftstoffe zu verringern.
Die Wasserqualität wurde so im Vergleich zu den 60er Jahren zwar deutlich verbessert, doch laut Wasserexperten gib es noch lange keinen Anlass für eine Entwarnung. Im Gegenteil: In neuerer Zeit bedroht nicht mehr die Schwerindustrie (deren Produktion nun aufgrund der gegenwärtigen Wirtschaftskrise drastisch eingebrochen ist) und ihre „ungeklärte“ Verschmutzung die Seen, sondern viel mehr indirekte Ursachen, wie die Luftverschmutzung über den städtischen Ballungsräumen von Toronto, Chicago und Detroit (das derzeit ebenso wie die Seen früher im Niedergang begriffen ist) und das aus Mülldeponien stammende Sickerwasser. Es wurden toxische Stoffe im Fisch nachgewiesen, so dass Wissenschaftler vor dem Genuss warnen. Das zeugt davon, dass Giftstoffe über die Nahrungskette weitergegeben werden und sich in Organismen ansammeln.
Schließlich gelangt das Gift bei dem an, der es eigentlich loswerden wollte: Der Mensch.
Dass es fast immer zur Katastrophe kommen muss, ehe eine Umkehr erfolgt zeigt diese Story ebenso wie viele andere. Doch in vielen Fällen geschieht keine Umkehr. Die Arten sterben. Das Wasser wird untrinkbar. Es stellt sich mir hier die Frage, ob der Mensch in historisch-ökologischen Dimensionen denken kann und dementsprechend lernfähig ist, oder ob er immer im erst im apokalyptischen Zustand Maßnahmen ergreift, die zu einer Lösung für Natur und Mensch führen. Was ist wahrscheinlicher und noch viel wichtiger: Was resultiert daraus?