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In der Wildnis liegt die Erhaltung der Welt.
Henry David Thoreau

Nur zu Besuch – Skinner Creek zur Shushartie Bay – letzter Tag auf dem North Coast Trail

Am Vorabend hänge ich noch mit einem Adler am Strand ab und beobachte dabei einen putzigen Otter, der entspannt kurz vor der Küste auf dem Rücken im Wasser liegt, und auf seinem Bauch mit einem Stein Muscheln aufklopft, die er dann vergnügt verspeist. Bis die gleißend goldene Straße, die die untergehende Sonne auf dem Wasser hinterlässt, verschwunden ist. Am nächsten Morgen starten wir pünktlich wie nie auf den Trail. Eine letzte Etappe liegt heute noch vor uns. Matschig hat man Sie uns versprochen und anspruchsvoll. Und so geht es los – stetig aufwärts, über Wurzeln und durch weichen Schlamm. Durch ein unberührtes Moor-Ökosystem voll mit Sonnentau und Torfmoos. Dann irgendwann stetig abwärts. Wir sind wirklich fit mittlerweile, und obwohl die Rucksäcke wegen der vollen Wasserflaschen wieder etwas schwerer sind laufen wir die Strecke sogar in weniger als der angegebenen Zeit. Ab und an treffen wir Wanderer, erkundigen uns kurz über das vor uns liegende Stück Weg und tauschen uns aus darüber, wie unglaublich schön es hier draußen ist, wie friedlich und abgelegen, dass man hier noch wirklich seine Ruhe hat in fast unberührter Natur. Zugegeben – so schön der Weg und der Wald um uns herum auch ist – unterwegs schwärmen wir von all den Dingen, die wir bald wieder tun werden können – warm duschen rangiert ganz oben auf der Liste, laut Musik hören und mal wieder von anderen Menschen umgeben sein. Vor allem jedoch geht es um Essen – Cheeseburger, Joghurt oder ein frischer Salat. Aber bei all der Vorfreude auf die Annehmlichkeiten der Zivilisation schwingt doch auch jede Menge Wehmut mit. Wir genießen noch einmal in vollen Zügen die würzige Luft des Waldes und die wilde Stille, die doch so voller Leben ist. Ganz so schnell wollen wir die bezaubernde Ruhe der Wildnis noch nicht hinter uns lassen. Denn Zivilisation das heißt auch: immer erreichbar sein, Zeitpläne einhalten und in lauten, dreckigen und vollen Städten mit den Menschenmassen mitschwimmen. Allzu bald werden wir die Weite hier draußen wieder vermissen. Am Ende leitet uns der Weg noch einmal durch einen Hain aus mächtigen Riesenlebensbäumen, der uns noch ein ordentliches Staunen entlockt. Und dann haben wir es tatsächlich geschafft! 60km Trail liegen hinter uns, die wir an 7 Tagen allein und zu Fuß geschafft haben. Ohne Strom oder Handyempfang, das Essen auf dem Rücken, gut überwacht und eingeteilt, das Wasser und das Feuerholz aus der Natur. An langen Stränden entlang und durch dichte Wälder. Mitten zwischen Wölfen und Schwarzbären. Voller Stolz und Freude schlagen wir ein. In der Bucht unterhalten wir uns mit zwei Park-Arbeitern, die diese Saison nun schon zum zweiten Mal für über zwei Wochen auf dem Trail unterwegs sind, um ihn in Stand zu halten. Denn wie auch wir mehrfach gesehen haben, holt ihn sich die Natur unheimlich schnell zurück – Plankenwege modern in der Feuchtigkeit, Bretter versinken im Matsch und wo vorher Wege waren wuchert schon wildes neues Grün. Wir staunen nicht schlecht über die Leistung der beiden, die sogar noch Ausrüstung wie zum Beispiel Sensen tragen müssen, und für ihre Arbeit die einzelnen Trail-Abschnitte teils bis zu drei Mal laufen. Und wir waren gerade stolz und froh gewesen, den gesamten Weg einmal gesund und munter geschafft zu haben… Eins Verbindet uns aber trotz der unterschiedlichen sportlichen Leistung: Wir alle lieben es hier draußen zu sein, und die unbezahlbaren Momente, die die Natur uns schenkt, sind uns jede noch so große Mühe mehr als Wert. Am Abend sitze ich unten in der Bucht und schaue aufs Meer. Ich genieße die letzten Momente allein in der Natur, die mich die letzten Tage so herausgefordert, mir so viel geschenkt und so viel Energie gegeben hat – die mich leben lassen hat. Da taucht plötzlich nur wenige Meter vor mir ein riesiger Buckelwal durch die Bucht und stößt laut prustend eine Fontäne aus. Erfüllt klettere ich den Abhang hinauf und lege mich leise zu den anderen ins Zelt. Gerade fallen mir die Augen zu, da höre ich seltsame Laute. Ich hebe den Kopf und lausche – tatsächlich. Es gibt nur ein Geräusch, das gleichzeitig so viel Sehnsucht, Energie, und Freiheit auf einmal ausdrückt. Nur ein Geräusch, bei dem einem Schauer über den Rücken laufen, und man doch gleichzeitig vor Freude durch den Wald springen will: Es ist das Ehrfurcht einflößende Geheul eines Wolfsrudel, das durch die Bucht klingt. Das ist der Ruf der Wildnis. Was für ein Abschied. Danke. – Jette

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  • Hannes Holdermann sagt:

    asf

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    Jahre