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In der Wildnis liegt die Erhaltung der Welt.
Henry David Thoreau

Warten oder Sein? Ein Versuch im Denken.

Warum nicht einmal schreiben, was man sieht. Dann kann man auch versuchen, darüber nachzudenken. Wenn man einfach nur wartet. Das geschieht hier oft. Heute warte ich auf eine kleine Barke in Kerala. Da eine Gruppe von etwa einem Dutzend Frauen und Kindern schon im Boot warten, während die Herren davor einen süßen Tee trinken, warte ich unmittelbar vor dem Steg getragen von dem Gedanken die Fahrt würde sogleich beginnen.  Nach einer halben Stunde, fange ich mich an zu wundern, wann wir denn nun zur geplanten Reise aufbrechen. Kein anderer scheint diesen Gedanken im Kopf zu haben, sitzen Sie doch gemütlich und dösen oder amüsieren sich bei einem Tee. Die kleinen Plastikbecher werden ohne großes Umsehen in den Kanal geworfen. Nach zwei Stunden wird dann schließlich das vertäute Boot losgemacht und  die Reise kann beginnen. Handelte es sich um eine Kreuzfahrt oder einen Interkontinentalflug könnte man aus westlicher Perspektive diese Wartezeit in Anbetracht der Komplexität des Vorhabens nachvollziehen und in Rücksicht auf die eigene Sicherheit vielleicht wohlwollend zur Kenntnis nehmen. In jenem Fall handelt es sich jedoch kaum mehr um einen Vorgang der besonderer Sorgfältigkeit bedarf, sondern gerade in den Backwaters kein Wimpernzucken verlangt. Denn die kleine hölzerne Fähre stellt vielmehr eine Art einfachen Bus für die Bewohner diese Landstriches dar. In den Backwaters, einem verzweigtes Wasserstraßennetz im Hinterland der Malabarküste im südindischen Bundesstaat Kerala sind sie auf Kähne und Barken angewiesen, denn die Wasserstraßen erstrecken  sich auf einer Fläche von insgesamt 1900 km² über insgesamt rund 1500 Kilometer teils natürliche, teils künstlich angelegte Kanäle. Wie können die Bewohner der Kanäle es so ohne sichtbare Unstimmung vernehmen, dass die Fähre zwei Stunden verspätet abfährt, haben Sie doch sicher Geschäfte zu erledigen oder Besuche vorzunehmen? Sollte so eine Fähre nicht planmäßig ihrem Bestimmungsziel zweckmäßig folgen und zum Nutzen aller pünktlich den Steg verlassen? Das Zeitgefühl, meine Einstellung zur Zeit ändert sich hier vielleicht nicht. Man sieht doch aber, dass es Menschen gibt, die im wahrsten Sinn anders ticken. Trotz des Hupens und der scheinbar chaotischen Hektik des Straßenverkehrs, sieht man wie man oft auch nur wartet. Was hat es nun also mit dem Warten auf sich, das hier keinen zu stören scheint. Nun, vielleicht interpretieren wir das einfach falsch. Es könnte gar kein Wartevorgang sein. Vielleicht warten Sie auch nicht. Sondern sie sind einfach da.  Stellen wir denn sofort eine Frage: Was tun Sie denn hier? Das kommt der eigentlichen Frage sehr nahe: Ist es denn produktiv? Wir können eine klare Antwort geben. Aber schon diese Frage allein zeugt von unserer Prägung und Skepsis gegenüber dieser Lebensweise. Unseren Bewertungsmaßstäben nach käme dieser Daseinszustand eher der Definition von vergeudeter Zeit des Müßiggangs nahe. Den Menschen eine morbide Faulheit zu attestieren, fiele einem gar zu leicht. Wenn wir uns aber einen Moment nehmen, wie ich in dem Moment des Wartes gezwungen war, die Situation und meine Denkweise ein wenig zu analysieren, kommt einem der unscharfe Gedanke in den Sinn, dass es hier wohl mit anderen Regeln zugehen muss. So schreibt unser Freund und Helfer Hermann Hesse: „Wenn ich nicht im Grunde ein sehr arbeitsamer Mensch wäre, wie wäre ich je auf die Idee gekommen, Loblieder und Theorien des Müßiggangs auszudenken. Die geborenen, die genialen Müßiggänger tun dergleichen nie.“ – Was hat es denn damit auf sich, wenn man immer rastlos weiter hastet? Nicht einmal den Moment verspüren, indem man eigentlich nur ist, sondern gleich immer weiter denken. Gerade wenn man reist, ist die Gefahr groß in Strecken und Plänen und Tagen zu denken und währenddessen das gegenwärtige Lächeln des Mädchens auf dem Dach des Bootes zu verpassen. Was ist das auch für ein Wort, was mir da wieder einfällt, da ich dies schnell schreibe. Verpassen – wohl ein sehr typisches Wort für uns Westler. Wie wir denken, wenn es anders gewesen wäre, als ob wir die Uhr zurückdrehen könnten, als ob wir das Ding der Vergangenheit nach unserem Wunsch ändern könnten. Da auch wieder die Uhr, noch so ein Phänomen. Sie gibt uns Orientierung in einer schnellen Welt. Sie gibt uns Sicherheit. Ohne diese Erfindung fühle ich mich ein bisschen verloren. Kürzlich erst schlief ich auf meiner Uhr ein und durchbrach das Band meiner Reisecasio, die ich vor einigen Jahren beim Paddeln im Mecklenburgischen in einer Schwimmweste fand. Sie begleitete mich seitdem jeher auf Reisen, bis ich sie nach besagtem schläferischen Übergriff nicht mehr tragen konnte. Jedenfalls war ich nun als bestes Beispiel der Gattung des Uhrenmenschen ohne Uhr etwas hilfloser, als ich es hier ohnehin schon bin. Doch verhält es sich vor Ort ganz anders. Viele Menschen tragen auch keine Zeitmesser, Chronometer oder ähnliches mit sich herum. Hier ist diese oft nicht viel mehr als ein Statussymbol. Oft habe ich viele Armbanduhren gesehen, die zwar schon golden glitzern, aber den Zeiger auf der falschen Ziffer haben. Weist man jemanden freundlich darauf hin, erntet man leicht ein Lächeln. Denn die eigentliche Uhrzeit spielt keine Rolle. Ob sie nun tickt oder nicht, wiedergeboren wird man wohl. Ob nun früher oder später, für wen spielt das eine Rolle. So kann auch nur schwer ein Gefühl für Druck entstehen. Wenn alles vorbestimmt ist und akkumuliertes Karma das Schicksal bestimmt, warum sollten wir uns dann um Minuten scheren. Kollektiv beginnt so die Arbeitszeit in Ämtern eine halbe bis eine Stunde später. Oder eine Fähre fährt zwei Stunden später ab und Menschen trinken Tee. Kein Grund also, sich zu beschweren. Wie aber kommt unser eins damit zurecht? Sehr schwer, nahezu unmöglich. Für uns ist Zeit das kostbarste Gut. Darin messen wir unser Leben. Zeitverschwendung und die Existenz solcher an sich stellen eine große Sünde in unserer Gesellschaft dar. Wenn wir aber aufgrund unser begrenzten Existenz auf dem Erdenkreis durch die Städte hetzen, im Facebooking und auf der Suche nach dem Kick und der Illusion der perfekten Lebensglückstraumes im Taumel der Reizüberflutung untergehen zu drohen, die jetzige Minute in der Schnelligkeit der Verhaltens- und Konsummuster und Reflexe an Bedeutung verliert und so Jahre und Jahrzehnte vergehen, der Mensch altert und sich schließlich wundert, wo die Zeit geblieben ist, dann kann man eigentlich doch einmal verharren und etwas warten. Wenn aus dem Warten dann mehr wird, kann man sich freuen. Vielleicht beginnt man kleine Dinge zu entdecken, die man vorher nicht und noch nie gesehen hat, oder als Kind einmal bewundert, dann vergessen in dunklen Kammern der Erinnerung abgestellt hat. Vielleicht beginnt man dann ein wenig Zeit zu finden, nachzudenken. Mir fällt das Denken einfacher, wenn ich versuche, meine Gedanken in verständliche Worte zu fassen, sie aufzuschreiben. Außerdem kommen dann neue Gedanken dazu. Ich hoffe also nicht, dass der Artikel zu lang für Euch geworden ist. Er ist eben ein kleiner Denkprozess. Um den besten Indienfreund zum Schluss des (zu) langen Eintrags zu Worte kommen zu lassen, der es kaum hat besser treffen können- Ein kräftiges „Manege frei!“ für: Hermann Hesse! Solang du nach dem Glücke jagst, Bist du nicht reif zum Glücklichsein, Und wäre alles Liebste dein. Solang du um Verlornes klagst Und Ziele hast und rastlos bist, Weißt du noch nicht, was Friede ist. Erst wenn du jedem Wunsch entsagst, Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst, Das Glück nicht mehr mit Namen nennst, Dann reicht dir des Geschehens Flut Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht. Kerala

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  • Hannes Holdermann sagt:

    asf

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    Jahre