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In der Wildnis liegt die Erhaltung der Welt.
Henry David Thoreau

Wohnzimmer am Strand

Was nehm ich mit, was lass ich hier? Am Morgen treffen wir die letzten Vorbereitungen – noch mal schnell die Tasche umpacken, weil der Reißverschluss plötzlich nicht mehr geht. Nur das wichtigste darf mit – die Pläne für die nächsten Tage sind noch nicht in Stein gemeißelt, wir müssen auf alle Eventualitäten vorbereitet sein – Hitze, Kälte, Wasser, Tageswanderungen durch unebenes Gelände oder Abholungen mit dem Wasserflugzeug – daher nur leichtes Gepäck. Dann geht es mit dem schwankenden Boot raus aufs Meer. Gleich begrüßt uns ein freudig springender Delfin. Doch schon bald umgibt uns nur noch dichter Nebel, und wir fahren ins Nichts. Als sich der graue Schleier lichtet, liegt plötzlich eine Insel vor uns. Grüne Berge und gewundene Küstenlinie zeichnen sich gegen den grauen Horizont ab. Doch ganz schön bergig, diese Insel. Und nicht so wild wie gedacht – schon von weitem kann man die deutlich herausstechenden Flächen Wald erkennen, die bereits eingeschlagen wurden. Und laut unserem Kapitän gibt es auf Porcher mittlerweile auch eine kleine Community. Wir sind auch nicht das einzige Schiff unterwegs. Das Wildnis-Idyll ist erstmal getrübt – fernab jeglicher Zivilisation in der Natur unterwegs sein, allein zwischen Tieren und Wald – daraus wird scheinbar erstmal nichts. Doch gerade das ist paradoxerweise einer der Gründe, warum wir hier sind – Wildnisgebiete sind keine Selbstverständlichkeit mehr und dauerhaft von Zersiedlung und industrieller Nutzung bedroht. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir die letzten verbleibenden von ihnen schützen, die die noch unberührt geblieben sind von dieser Entwicklung. Wir landen nun aber an der Nordwestküste der Insel, und mittlerweile liegen doch wieder einige Kilometer Luftlinie zwischen uns und dem Rest der Welt. Von dem Landweg ganz zu schweigen: für wenige Kilometer braucht man hier Stunden, denn sie führen entweder durch das dichte Unterholz und zwischen den massiven Stämmen der Urwaldbäume hindurch. Oder in unzähligen Windungen die Küste entlang, hinauf und hinab an den rutschigen Felsen der Gezeitenzone. Dementsprechend vorsichtig bringen wir unser Gepäck ins Camp, balancierend und rutschend über lockeres Geröll und spitze Felsen. Wir sind jetzt merklich in der Wildnis – wo es keine bequemen Wege gibt, Adler über den Köpfen kreisen und man von Seeanemonen und Seepocken auf dem Weg begleitet wird. Bei der Anlandung des Boots begrüßte uns aber erst einmal Fabian, Fotograf und Biologe, der schon einige Tage auf der Insel verbracht und die Wölfe und anderen zahlreichen Tiere der Insel beobachtet hat. Er ist sichtlich erfreut, wieder Menschen um sich zu haben und zeigt uns stolz sein kleines Camp inmitten von gigantischen Riesenlebensbäumen, die majestätisch über der Küste thronen. Den Rest des Tages machen wir uns mit der Umgebung vertraut – Wolfsspuren im Sand, Krebse, die rasselnd in Massen verschwinden, wenn man über die Steine läuft. Ebbe und Flut, die jede 6 Stunden eine andere Landschaft zaubert und eine neue Tierwelt hervorbringt, den Zugang zum Rest des Landstücks regelt und daher den Tagesplan mitbestimmt. Zentimeter-dicke Torfmoosschichten, Zeugen von Jahrhunderten. Und die ruhige Aura eines uralten Waldes, der nur langsam wächst. Und wir richten uns auf das Leben in der Wildnis ein: Grober Steinstrand, eisig-salziges Meerwasser und ein von der Flut angeschwemmter Baumstamm am Lagerfeuer werden von nun an unser Bad, Wohnzimmer und unsere Küche sein. +++ Jette

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  • Hannes Holdermann sagt:

    asf

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