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Be aware of the unexpected! Karl der Käfer macht Jemandem nen Strich durch die Rechnung!

6.November 2009

Be aware for the unexpected!

Karl der Käfer macht Jemandem nen Strich durch die Rechnung!

Nach drei Tagen im hohen Norden von Vancouver Island, wird mir immer mehr bewusst, warum es hier soviel Regenwald gibt: Es regnet eben sehr viel (um genau zu sein, fast die ganze Zeit).

Auf dem Weg zu einem Nationalpark im Norden von Vancouver Island, einer grünen Insel im Pazifik von der Größe Großbritanniens, hatte ich Gelegenheit per Anhalter auf die Reise in ein abgesperrtes Gebiet zu gehen und die letzten Riesen ihrer Art in Augenschein zu nehmen.

Ich halte meinen Daumen raus. Zwei Stunden hält keiner an, nur ein Schwarzbär überquert nicht weit von mir die Straße. Dort, wo ich hin will, fährt kein Bus. Ich bin gerade dabei, meinen Plan zu überdenken, als ein monsterhafter Truck unerwartet zum Stehen kommt. Ken, ein pelziger Kraftwagenfahrer stößt die Tür auf und winkt mich ins Führerhaus.

Er klopft mir auf die Schulter, während er mit seiner Frau telefoniert und seinen Volvo wieder beschleunigt. Wir fahren an die die 80 Kilometer durch den dichten Wald, und Ken bietet mir an, ihm bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Wir kommen in ein Gebiet, das vollkommen abgeholzt war und in dem nur noch die riesigen Baumstümpfe geköpfter Zedern aus der Erde ragten. Eine frisch gebaute Straße führte uns durch ein Gebiet mit Old-Growth hin zu einer Stelle, an der fleißig dem Fällen gefröhnt wurde. Massive Maschinen hievten nun die monströsen Stämme auf den Trailer unseres Trucks und ich durfte(mit einem orangefarbenem Helm auf dem Kopf) dem ganzen Geschehen beiwohnen.

Ich kann es  nicht glauben. Als ich Ken erzähle, dass ich noch nie in meinem Leben so große Stämme gesehen habe, nickt er und freut sich. Das hindert ihn natürlich nicht, eine etwa dreihundertjährge Zeder auf seinem Trailer fest zu machen.

Die Wüste, die in diesem nebelverhangenen Tal entstehen sollte, würde Jahrzehnte brauchen, um wieder zu zuwachsen,  geschweige denn Jahrtausende um wieder zu dem Tal zu werden, das es einmal war.

Eine kostenlose Führung in ein Gebiet, in dem es sonst heißt: Zutritt Verboten! Denn die Forstkonzerne haben gute Gründe ihr Schaffen in den Wäldern des Nordens nicht an die große Glocke zu hängen.

Allein in Kanada speichern unsere großen und kleinen grünen Freunde eine unvorstellbare Masse von 186 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Wälder spielen eine bedeutende Rolle bei der Regulierung des globalen Klimas. Sie binden Kohlenstoff, regulieren den Wasserhaushalt und produzieren Sauerstoff.

Die großen Urwälder der Erde – ob in Afrika, Südostasien oder Südamerika – überall auf der Welt sind sie durch Holzeinschlag und andere industrielle Nutzung akut gefährdet. Das Abholzen der Urwälder in Kanada hat eine Relevanz für das Klima, die weit über Nordamerika hinausreicht, denn durch die Speicherung großer Mengen Kohlenstoff und das verzögerte Auftauen des Permafrostbodens im Norden Kanadas helfen die Urwälder, den Klimawandel zu verzögern.

Gerade beim Abholzen der alten Bäume wird nicht nur viel Kohlendioxid freigesetzt, sondern die Aufnahmekapazität verringert sich zusätzlich für viele Jahre. Die jungen, nachwachsenden Bäume in monokultureller Forstwirtschaft stehen ihren alten Brüdern im Carbon-Capture-Modus aufgrund ihrer geringen Größe um einiges nach. Der Wald wird zudem selbst anfälliger für die Auswirkungen des Klimawandels. Die steigenden Temperaturen machen den Wald anfälliger für große Waldfeuer oder häufigen Insektenbefall.

Beides fand diesen Sommer in Britisch-Kolumbien in einem bisher ungekannten Ausmaß statt. Der Pine-Beetle, bei uns besser bekannt, als der berühmt-berüchtigte Borkenkäfer hatte dieses Jahr eine der größten All-you-can-eat Partys der vergangenen Jahrzehnte.

Wie die Borkenkäfer den Klimaschutz sabotieren, davon berichtet die FAZ vom 27.April 2008: „Forstleute im Westen Kanadas sehen immer öfter rot. Auf riesigen Waldflächen leuchten die Nadeln von Kiefern in dieser Farbe, und wo das der Fall ist, sind die Bäume dem Untergang geweiht.Dies Zersetzung der Biomasse haben kanadische Wissenschaftler jetzt als ergiebige Quelle für das Treibhausgas Kohlendioxid ausgemacht. Ihren Berechnungen für den Zeitraum von 2000 bis 2020 zufolge sorgt der Borkenkäfer dafür, dass ein großes Waldgebiet in British Columbia seine Rolle im Klimageschehen völlig verändert. Statt eine Menge von Kohlendioxid zu binden, dürfte es eine gewaltige Menge des Gases in die Atmosphäre freisetzen.“

Im Magazin Nature ist davon die Rede, dass die durch die Käfer freigesetzte Menge an Treibhausgasen ungefähr jener Menge an Treibhausgas entspreche , die Kanada gemäß dem Kioto-Protokoll bis zum Jahr 2012 einsparen wolle.

Ob Karl der Käfer, Karl der Baum, oder Karl der Mensch, Teil des Ganzen sind sie allesamt. Wie demütig und ehrfürchtig die großen Zedern und Douglasien der Westküstenregenwälder mich werden lassen, wenn ihre jahrhundertealten Äste, Moosen und Flechten ein Dach über mir bilden.

Geborgen und unbedeutend bleibt der Geist allein, steht in dem Moment, und lebt durch die Wurzeln, Stämme und Geäst sich in den Himmel fort. Die Tropfen der Schöpfung auf dem Kopf, die Nadeln zu den Füßen und das Wunder vor Augen, schreiten wir durch den Wald und können nicht glauben, ohne zu berühren und den kleinen Körper beim Verlassen zu wenden und schnell in die hölzerne Kathedrale zurück zu laufen, und sich zu versichern, dass der Traum kein Traum ist und man eines Tages zurückkehren wird, um Das zu verspüren, was man nie beschreiben kann.

Als "Brasilien des Nordens" bezeichnen kanadische Umweltorganisationen den staatlich geförderten Raubbau der Holzkonzerne an der wirtschaftlichen und natürlichen Zukunft der Nation. In Sachen Energieverbrauch und Schwefeldioxidausstoß pro Kopf ist Kanada seit Jahren Weltmeister unter den Industrienationen. Nun gilt es auch als die Nummer eins in Sachen Naturverbrauch.

Das Tempo der Raubbaus ist atemberaubend: Weit mehr als die Hälfte der Bäume, die jemals in Kanadas Regenwälder gefällt wurden, sind nach 1967 eingeschlagen worden.

Auf Vancouver Island sieht man, außer in den relativ kleinen Schutzgebieten, wie dem Pacific Rim NP und Cathedral Grove, ein Geschenk des mächtigen McMillan-Forstkonzerns, kaum Old-Growth.

Kahle Täler und Hügel werden von stoppelartigen Baumstümpfe vergangener Jahrzehnte ungebändigten Holzeinschlags gekennzeichnet. Und auch, als ich meinen orangenen Forsthelm absetze, um an die Küste zu wandern, passiere ich fast ausschließlich Second-Growth-Gebiete. Bestes Beispiel für das Verhältnis der Industrie zur einzigartigen Natur der Regenwälder gibt das FiLoMi-Festival, das jedes Jahr in Port Hardy im Norden der Insel abgehalten wird. FilLoMI steht für fishing,logging,mining, die drei (ehemaligen) Haupterwerbszweige der Insel.

Wie sich die Einstellung der mächtigen Forstkonzerne, die auch Parlamentarier auf ihrer Gehaltsliste stehen haben, ändern wird, das steht wohl in den Sternen.

In einem einem Interview für einen Zeit-Artikel gibt Don McMullan, Forstdirektor von Fletcher Challange, der zweitgrößten Holzgeselllschaft in der Pazifikprovinz British Columbia, zu Protokoll, dass er noch mindestens 20 bis 25 Jahre die Regenurwälder einschlagen will. Sein Kollege Jim MacFarlane von der Nummer Eins der Branche, MacMillan Bioedel, rechnet sogar mit 40 Jahren. Dann will man die Flächen zur Wiederaufforstung nutzen. 60 bis 120 Jahre müsse so ein Forst schon reifen, aber dann liefere er qualitativ hochwertiges Holz, meint Don McMullan.

Die Forstwirtschaft dürfe sich aber nicht nur am Gewinn orientieren, sondern müsse auch andere Belange wie den Tourismus und vor allem die Ökologie berücksichtigen. Diesen Schluss ziehen immer mehr Kanadier, und erhöhen den Druck auf Politik und Wirtschaft.

Der Touristenstrom bricht nicht ab und wird immer stärker, zeigt den Insulanern, dass die einzigartigen Wunder ihrer Insel schützenswert sind und sich mit ihnen auch ein Einkommen erzielen lässt.

Für welchen Weg sich Kanada in der Umwelt, Energie- und Klimapolitik als zweitgrößtes Land der Erde in der Zukunft entscheiden wird, daran scheiden und schneiden sich die Geister.

Ich hoffe jedenfalls, sehe aber auch die Zeichen der Zeit.

 

 

 
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