Blog
In der Wildnis liegt die Erhaltung der Welt.
Henry David Thoreau

„Hallo Schwester, ich bin Brahmane!“

Nur ganz selten blitzen sie auf, diese Regeln, nach denen die Gesellschaft hier geordnet ist, die den Menschen hier ihren Platz aufdiktieren oder garantieren, die Regeln, welche eine Ordnung herstellen, die ich nicht sehen kann. Man hat sie mir erklärt, die verschiedenen Kasten, man hat auch versucht, mir ihre Funktion und ihren Nutzen zu erklären, und doch bin ich gerade dabei, über etwas zu schreiben, das ich in seiner Komplexität nicht verstehen kann. Seit zweieinhalb Monaten befinde ich mich nun schon in Nepal, und ich schätze die Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit der Bewohner dieses Landes sehr. Ich sehe natürlich Unterschiede zwischen ihnen, manche sind sehr reich, manche sehr arm, die meisten so zwischendrin. Viele alte Leute sind noch sehr traditionell gekleidet und leben im Bewusstsein ihrer Religion, die jungen Menschen dagegen kleiden sich gerne westlich und hören mit Hingabe „Gangnam Style“. Wenn man genau hinsieht, kann man manchmal sogar als Westler die verschiedenen Volksgruppen unterscheiden: es gibt die tibetischen Gruppen, die eher im Norden des Landes leben, viele von ihnen auch in tibetischen Flüchtlingsdörfern. Zu ihnen gehören beispielsweise die Newar, Gurung und Tamang. Ihre Vorfahren flüchteten einst nach Nepal, und man erkennt sie daran, dass sie eher klein sind und sehr asiatische Gesichtszüge aufweisen. Viele von ihnen arbeiten als Träger oder Guides auf den unzähligen Trekkingrouten in Nepal – ich glaube, ich habe noch nie zuvor so zähe und ausdauernde Menschen gesehen. Neben diesen tibeto-birmanischen Einwanderern gibt es auch jene, deren Vorfahren aus dem Süden nach Nepal kamen, die indo-arischen Volksgruppen. Sie haben einen größeren Körperbau und anstelle der asiatischen Gesichtszüge so große Nasen wie wir Europäer. (Auf diese Details , die ich von selber niemals hätte feststellen können, machte mich übrigens ein ausgesprochen kleiner und ausgesprochen netter Nepalese aufmerksam, der zu jenen gehört, welche täglich zwischen 30 und 60kg Gepäck den Annapurna Basecamp Trek hoch und runter schleppen. Schneller als wir mit unseren 8-10kg, wohlgemerkt.) Das ist es, was ich sehen kann. Aus der Sicht eines Nepali jedoch sieht das alles ganz anders aus. Und aus der Sicht eines anderen Nepali sieht es wiederum anders aus. Und so weiter. Ich habe mir das Kastensystem von einem Hindu erklären lassen, er befindet sich schätzungsweise in den Mittvierzigern und bewegt sich wirtschaftlich in der oberen Hälfte der Gesellschaft. Aus seiner Sicht gibt es vier Kasten, die lediglich durch ein Studium (z.B. Medizin) oder die Ergreifung eines sehr angesehen Berufes (wie der des Politikers oder Priesters) durchlässig werden. Welcher Kaste man angehört, bestimmt, wen man heiraten, berühren, und sogar, wessen Küche man betreten darf. Denn mit wem man seine Mahlzeiten einnimmt, hat eine große Bedeutung für einen Hindu. Menschen niederer Kasten verschmutzen das Essen und die Reinheit der Küche eines Angehörigen höherer Kasten. Deine Kaste ist deine soziale Anerkennung auf Lebenszeit. Unabhängig von deinen Werken, Zielen und Träumen. Und oftmals auch unabhängig von deinem wirtschaftlichen Status. So wurde ich zum Beispiel in einem Kinderheim, in dem ich für eine Weile gearbeitet habe, von einem Jungen in seinem kindlichen Stolz mit den Worten begrüßte: „Hallo Schwester, ich bin Brahmane!“ Natürlich habe ich ihm gegenüber versucht, meine angemessene Bewunderung zu bekunden, in Wirklichkeit jedoch kam es mir mehr als erstaunlich vor, den Sohn von einem Priester, Arzt oder anderen Gelehrten in einem Waisenhaus anzutreffen. Die höchste Kaste ist die der gebildeten Oberschicht, der Brahmanen. Sie genießen eine äußerst hohe Anerkennung, machen jedoch nur einen winzigen Anteil an der Bevölkerung aus. Die Kaste unter ihnen bilden die Chhetri, Adlige, Politiker oder Beamte. Die dritte Kaste sind die Baisya, sie sind Händler, Bauern, Handwerker. Viele Baisya schaffen es durch eine einträgliche Arbeit, sich wirtschaftlich an die Spitze der Gesellschaft zu setzen. Die unterste Kaste bilden die Sudras, welche beruflich Arbeiter oder Dienstboten sind. Wer kastenlos ist und die Drecksarbeiten der Gesellschaft verrichtet, gilt als unberührbar. Nach der Tradition der Hindus wird das Gewerbe des Vaters an den Sohn vererbt und Töchter werden innerhalb der eigenen Kaste verheiratet. Früher war es ebenfalls üblich, dass der älteste Sohn für den Vater geboren wurde, der jüngste für die Mutter, und die Söhne dazwischen wurden in ein Kloster gegeben. Diese Tradition ist jedoch nicht mehr verbreitet. Per Gesetz gibt es in Nepal kein Kastensystem mehr, in der Realität ist es jedoch noch immer sehr präsent. Es gibt Tausende verschiedene Systeme, und es kommt immer auf die Volksgruppe und Religion des Betrachters an, wie diese aufgebaut und wie durchlässig sie sind. Schon an der Haltung und Kleidung eines Nepali kann ein anderer Nepali dessen Kaste bestimmen und manche lassen in ihre Sicht auch den Reichtum des Betrachters einfließen. So. Und nach all diesen Erklärungen interessiert mich natürlich: Wo haben denn eigentlich Nicht-Hindus wie ich ihren Platz in diesem komplizierten System der Gesellschaftsordnung? Mit welchen Augen betrachtet mich ein Nepali? Ich habe als Ausländerin in Nepal meistens ein sehr respektvolles Verhalten der Menschen hier erlebt und kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dieses den Wert eines Menschen bestimmende System irgendetwas mit mir zu tun haben könnte. „Du?“ fragt der Mann mir gegenüber. „Als Nicht-Hindu? Du bist kastenlos. Unberührbar.“ Dann lacht er schallend, klopft mir auf die Schulter und lädt mich in seine Küche zum Mittagessen ein. Und ich verstehe, dass ich nichts verstehe. DSCF1532DSCF1173DSCF0626

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  • Hannes Holdermann sagt:

    asf

  • Empfehlungen






















    Jahre