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In der Wildnis liegt die Erhaltung der Welt.
Henry David Thoreau

Mitten im Regenwald – Leben einmal ganz anders

Hallo liebe Wildblog-Leser, was für ein Monat, dieser November! Diese Zeit wird sicherlich eine der prägensten während meiner gesamten Neuseelandreise gewesen sein. In Rotorua beginnt sie, die Reise in eine andere Welt. Nach einigen Tagen in dieser stinkenden Stadt, wo es nach faulen Eiern riecht und überall heiße Gase aufsteigen, bin ich froh gewesen weiterzureisen, da Touristenorte wie diese eher nichts für mich sind, auch wenn die Energie, welche aus der Erde aufsteigt, sehr beeindruckend ist. Sarah, eine Mitarbeiterin des Departments of Conservation, also der neuseeländischen Naturschutzbehörde, hat mich aus dieser Stadt abgeholt, um mich in den Whirinaki Forest Park zu bringen, einem der größten Waldgebiete Neuseelands mit natürlichem Regenwald und über tausend Jahre alten Bäumen. Auf dem Weg dorthin durchqueren wir riesige Gebiete mit Nutzwald. Aller ca. dreißig Jahre wird dieser abgeholzt und das Holz in viele Teile der Erde exportiert. Nach einer Stunde erreichen wir Murupara, eine Stadt, welche man aber eigentlich nicht als solche bezeichnen kann bei rund tausend Einwohnern. Vor mir erstreckt sich der Whirinaki Forest Park mit über tausend Meter hohen Bergen. Dieses Gebiet ist die Arbeitsstelle von Sarah, welche mir am nächsten Tag einen Teil ihrer Arbeit zeigt. Los geht es also mit einem Kiwi (Sarah) auf Kiwisuche (Vogel) mit Kiwis (Früchten) im Gepäck. Mit Sendern laufen wir immer tiefer in den Wald hinein, insgesamt ca. zwanzig Kilometer und 500 Meter den Berg hinauf, um Signale empfangen zu können. Nach einigem Warten haben wir endlich Glück und ein Piep-Signal verrät uns, ob die gesuchten Kiwis gerade nisten oder nicht. Diese Arbeit hält auf jeden Fall fit und das sieht man Sarah auch an. Noch am gleichen Tag bringt sie mich nach Minginui, einem Maori-Dorf im Regenwald. Die Szenerie beim Hineinfahren in dieses Dorf ist mehr als speziell: Häuser, von denen die Farbe abblättert, ein ehemaliger kleiner Landmarkt, welcher vor Jahrzehnten zum letzten mal geöffnet hatte und wo bereits die Farbe des Schildes „Minginui Store“ vergilbt. Auf der Straße begegne ich mehr Pferden als Menschen, rechts und links spielen Kinder mit Autoreifen. Da bin ich also nun, in Minginui, meinem Wohnort für die kommende Woche. Die Arbeitslosigkeit in diesem Dorf liegt bei rund 90 Prozent und folglich sind Alkohol und Drogen ein großes Problem. Claude, mein maorischer Gastgeber, ist einer der Glücklichen, welcher einen Job hat. Seine Arbeit: Für das Department of Conservation Blue Ducks entlang des Whirinaki Rivers zu suchen und zu lokalisieren. Wie dies abläuft, hat er mir in den folgenden drei Tagen gezeigt, indem wir gemeinsam einen Teil des Whirinaki Forest Parkes durchwanderten. Entlang des Flusses haben wir immer nach den Enten, welche sehr selten sind und in schnell fließenden Gewässern leben, Ausschau gehalten. Mithilfe eines GPS-Gerätes werden diese lokalisiert, wenn wir nach langem Suchen welche im Fluss erspähen konnten. Für mich ist es beeindruckend, welche Arbeiten es gibt – so ist dies schon seit 15 Jahren Claudes Job. Für mich war es wunderschön, mitten in der Wildnis nach diesen Enten zu suchen, insbesondere nach dem ganzen Touristentrubel. Doch ob dies eine Arbeit für mein Leben wäre, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr? Schwer vorstellbar… Zurück in Minginui habe ich noch einige Tage bei Claude gewohnt und im Garten mitgeholfen. Unterdessen wurde Claude immer offener. Zu Beginn beantwortete er Fragen nur kurz, doch zum Ende hin wollte er mich gar nicht mehr gehen lassen. ;) Dies ist mir später noch öfter begegnet: Zunächst recht große Zurückhaltung, wenn auch keineswegs unfreundlich und nach einigen Tagen eine große Offenheit. Nach dieser Zeit ging es für mich wieder zurück nach Murupara. Sarah versuchte für mich eine Möglichkeit zu finden, zum Lake Waikaremoana zu gelangen, einem traumhaften See, um welchen auch ein Great Walk, einer der beliebtesten Wanderwege Neuseelands, führt. Zwei Tage musste ich warten, da sich erst keine Möglichkeit ergeben hat. Doch dann startete die Fahrt. Fünfzehn Maoris nahmen mich in einem Konvoi mit zu diesem Lake. Eigentlich sind es nur 70 Kilometer bis dorthin, doch braucht es drei Stunden, da es sich bloß um eine Schotterpiste handelt. Wiederum sind die Maoris eher verschwiegen. Auf halber Strecke halten plötzlich alle Autos an. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sehe ich ein Maori-Dorf, wie ich später erfahre eines der ältesten Neuseelands. Ich fühle mich, wie als wenn ich eine Zeitreise beginnen würde: Vor mir alte Häuser im maorischen Stil, es riecht nach geräuchertem Fisch, die Kinder spielen im Fluss, die Kleidung ist teils aus erbeutetem Wild hergestellt. Auf der anderen Straßenseite warten wir zunächst fünf Minuten. Schließlich überqueren wir die Straße und wieder bleiben wir für ca. eine Minute stehen. Dies wiederholte sich noch mehrmals, bis wir schließlich fünfzig Meter vor einem Tempel stehen. In diesem liegen die ältesten Frauen des Tempels in Decken gehüllt. Eine der Frauen steht auf, wendet sich zu uns und beginnt zu singen. Ich kann kaum glauben, was ich um mich herum sehe. Minginui – dies war zwar eine Maori-Siedlung, jedoch mit kaum vorhandener Kultur. Ganz anders in diesem Dorf. Unterdessen wusste ich weiterhin nicht, was wirklich vor sich ging. Zumindest war mir klar, dass ich der einzige Nicht-Maori war – normale Tagestouristen wird man hier nicht sehen. Nach dem Gesang erheben sich die Männer und der Stammesführer hält eine Rede. Nach weiteren kraftvollen Gesängen der Männer begrüßen wir alle Stammesmitglieder persönlich, indem wir uns gegenseitig mit den Nasen berühren und mit dem bekannten „Kia Ora“. Schließlich im Tempel angekommen, wurde mir bewusst, um was für eine Zeremonie es sich handelt: Um eine Beerdigungs-Zeremonie. In der Mitte liegt der Verstorbene aufgebahrt, um ihm herum die in Decken gehüllten Frauen. Nach der Begrüßung der Frauen befeuchte ich meinen Kopf mit Wasser, womit ich die Zeremonie abschließe. Ich trete aus dem Tempel und sehe all die Familien, all die Häuser im maorischen Stil und kann eigentlich überhaupt nicht begreifen, dass ich mich gerade in der Realität befinde – erst recht nicht deshalb, da mir niemand vorher sagte, was geschehen würde. Doch war es für mich eine große Ehre an solch einer Zeremonie teilnehmen zu dürfen. Der Abschluss war eine Art Leichenschmaus. Die Stimmung während der Zeremonie und danach ist keineswegs negativ gewesen, wobei dem Verstorbenen natürlich viel Respekt gezollt wurde. Diese Zeremonie wird auf maorisch Tangi genannt. Im Versammlungshaus, dem Marae, bleibt der Verstorbene drei Tage lang aufgebahrt. In dieser Zeit wird der Verstorbene niemals allein gelassen, das heißt auch nachts befinden sich immer Stammesmitglieder um ihm. Nach diesem Erlebnis, welches ich sicherlich niemals vergessen werde, fuhren wir weiter Richtung Lake Waikaremoana. Direkt neben der Office bekam ich meine eigene kleine Hütte. Nur wenige Minuten zu Fuß befinden sich drei fünfzehn Meter hohe Wasserfälle. Und dann erst der Lake! Gleich am ersten Abend wurde ich durch einen traumhaften Sonnenuntergang begrüßt. Zunächst gab mir das Department of Conservation die Möglichkeit die Gegend zu erkunden – mit den wunderschönen Wasserfällen, den teils 1200 Meter hohen Bergen und den kleineren Lakes herum. Anschließend ging es an die Arbeit, welche außerordentlich vielfältig ist. Mal ist es nur das Sortieren von Bildern für das Museum, tags darauf die Vogelsuche im Wald mit den anderen Volunteers, welche hier meist während des Studiums für ein Auslandssemester herkommen. Wie schon in einem anderen Beitrag erwähnt, spielt das Töten von eingewanderten Tieren mit die größte Rolle beim Naturschutz in Neuseelands, was meistens mit Fallen umgesetzt wird. Daneben werden viele Zäune aufgebaut, um die einheimische Pflanzenwelt vor gefräßigen Possums etc. zu schützen. Mitten im Urwald ist dies oft eine nicht ganz einfache Aufgabe. Eine der speziellsten Arbeiten ist wohl, zehn Tage mitten im Urwald zu zelten, um nach seltenen Vögeln und anderen Tieren ausschau zu halten – und dies auch noch ganz alleine. Einen dieser Mitarbeiter holten wir nach diesen zehn Tagen wieder mit dem Boot aus dem Wald zurück. Einer der weiteren Höhepunkte für mich war der Great Walk, eine Drei- bis Viertageswanderung um den Lake Waikaremoana. Meine kleine Aufgabe war die Überprüfung des Feuerholzes und der Wasserqualität in den Hütten. Der Wanderweg führt über den höchsten Berg nahe des Lakes (1300 Meter) und vorbei an riesigen Wasserfällen. Ursprünglich dachte ich, nur einige Tage an diesem Ort zu bleiben, doch arbeitete ich letztlich zwei Wochen an diesem wunderschönen Lake. Zu traumhaft ist diese Region und das Team noch dazu sehr freundlich. Es fiel mir recht schwer, diesen Ort zu verlassen, doch zog es mich natürlich auch weiter in die nächsten beeindruckenden Gebiete. Und so ging ein Monat zuende, den ich so schnell nicht vergessen werde. Und wer weiß, vielleicht kehre ich doch noch einmal an diesen Lake zurück. Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Beitrag ein bisschen in den maorischen Regenwald Neuseelands entführen. Ich wünsche allen Lesern alles Gute für das neue Jahr 2012! Viele Grüße Josef
13 Ein kraeftiger Maori
12 Waterfall Lake Waikaremoana
9 Wasserfall Waikaremoana
6 Unwirklich Farben am Lake Waikaremoana
3 Volunteer House Murupara

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  • Hannes Holdermann sagt:

    asf

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    Jahre