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In der Wildnis liegt die Erhaltung der Welt.
Henry David Thoreau

Was, wenn die kleinen Kaiser alt werden?

Manchmal sitzt man im Bus und denkt darüber nach, wie die männliche Erblinie zu erhalten sei. Das treibt in China viele Väter um und so sind Im Land der Mitte Mädchen weniger willkommen. Viele ziehen es vor, einen Sohn in ihrer Familie zu begrüßen. Heute hat die Ein-Kind-Politik in Verbindung mit konfuzianischer Tradition zu einem starken Ungleichgewicht zwischen den Geburtenzahlen von Jungen und Mädchen geführt. Zwar ist es offiziell verboten, das Geschlecht des Ungeborenen zu bestimmen, allerdings umgehen viele zukünftige Eltern das Gesetz. So müssen Eltern mit hohen Geldstrafen rechnen, die sich an das Einkommen koppeln, falls sie entgegen der Gesetzgebung mehrere kleine Chinesen in die Welt setzen. Abtreibungen sind an der Tagesordnung. Nun hören wir im Westen regelmäßig von diesen erschreckenden Umständen in der Volksrepublik. Aber warum tun sich die Chinesen das eigentlich an?   „Stabilität, Harmonie und wirtschaftlichen Fortschritt“ Nach 1949 begann in China ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum. Um dem entgegenzuwirken, wurde 1979 die Ein-Kind-Politik eingeführt. Darin sah man, nach vielen Krisen, wie der größten Hungersnot des 20.Jahrhunderts, die nach dem „Großen Sprung nach vorn“ (einer massiv-desaströsen Entwicklungsvision Mao’s folgend) in China stattfand, Gelegenheit zu einem Wandel der chinesischen Gesellschaft. Es wurde entschieden, das Bevölkerungswachstum in den Plan mit aufzunehmen. Die Maßnahme sollte „Stabilität, Harmonie und wirtschaftlichen Fortschritt“ ermöglichen. Inspiriert von der Studie „Limits of Growth“ des Club of Rome in den 70ern und der Warnung vor anhaltend explosivem Bevölkerungswachstum in Verbindung mit zukünftigem Ressourcenmangel, entwickelte ein Raketenwissenschaftler das Konzept, das von den Kadern als Chinesisches Opfer für den Weltumweltschutz und die zukünftige Entwicklung des Landes gesehen, abgesegnet und rasch implementiert wurde. So behauptete die chinesische Delegation auf der Klimakonferenz in Kopenhagen, dass die Ein-Kind-Politik China’s „als Modell zur Einführung von Bevölkerungsprogrammen zur Anpassung an den Klimawandel dienen“ sollte. Zwangsabtreibungen für eine grünere Welt?  Nein, danke. Schon früh entschied sich die KP dafür, direkte Bevölkerungspolitik zu betreiben. Dies bedeutet, dass sich ein Staat zu der Absicht der Beeinflussung des Bevölkerungsprozesses bekennt. Dabei verfolgt die Politik das Ziel, die Bevölkerungsgröße, je nach Staatsziel, zu vergrößern oder zu verringern. Bevölkerungsvermehrung ist über Einwanderung sowie eine Anhebung des Geburtenniveaus möglich. Ob eine Herdprämie als Anreiz hier wirkt, oder Einwanderung sich als sinnvollere Maßnahme erweist, darüber kann man sich streiten. Dass wir die Ein-Kind-Politik China‘s als Eingriff in die persönliche Freiheit jedes Einzelnen betrachten, darüber sind sich alle Europäer wohl einig. Einfluss durch Familienplanungsprogramme Die Bevölkerungsverringerung, d.h. eigentlich die Senkung der jährlichen Zuwachsrate zu erreichen, ist über Familienplanungsprogramme (übrigens heißt der Bereich der Drogerien in dem Präservativmittel verkauft werden in China „family planning“) möglich, die die Paare überzeugen oder zwingen, ihren Nachwuchs entsprechend der gesunkenen Kindersterblichkeit und den Chancen erhöhter Familieneinkommen zu senken. Als Beispiel lässt sich hier eben die Ein-Kind-Politik der Volksrepublik China anführen, die in unterschiedlichen Stufen seit 1978/79 fest verankert ist und heute die urbane Bevölkerung Chinas betrifft. Es sind jedoch nicht alle Chinesen betroffen und es bestehen viele Außnahmen. Unter anderem dürfen Ethnische Minderheiten und Paare von zwei Einzelkindern mehr als nur ein neues Familienmitglied begrüßen. Zu meinem Erstaunen hat ein Großteil der Chinesischen Bevölkerung das Programm in der Vergangenheit unterstützt. Diese Einstellung ist im Wandel begriffen und angesichts vieler Ungerechtigkeiten und zukünftiger Altersstruktur fordern heute viele Chinesen die Abschaffung der rigiden Maßnahme. Mit dem klaren Eingriff in das Menschenrecht aus der Deklaration von Teheran 1967, nach dem Eltern das Recht haben, die Zahl ihrer Kinder und den Zeitpunkt ihrer Geburt zu bestimmen, hat der Staat die Umsetzbarkeit dieses Rechts eigentlich zu ermöglichen. Aus Sicht der Chinesischen Regierung stellte die Bevölkerungskontrolle eine Politik dar, die starkes Bevölkerungswachstum als Hemmschuh für wirtschaftliche Entwicklung sah. Ohne eine Geburtenminderung sei es schwer den Teufelskreis aus Armut  zu durchbrechen, hieß es aus wissenschaftlichen Kreisen. Heute hat sich Ostasien mit Geburtensenkung und gleichzeitigen Investitionen wohl aus einem Kreislauf der Armut weitgehend befreit. Das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik führt die Erfolge China’s Entwicklung neben anderen Faktoren auf die demografische Dividende zurück. Den kleineren Jahrgängen kämen pro Kopf mehr Mittel für Gesundheits-,Bildungs- und Entwicklungsmaßnahmen zugute. Erfahrungen zeigen dort Erfolge, wo Integration von Wirtschafts- und Bildunginvestitionen mit sinkendem Bevölkerungswachstum zusammentreffen. Laut dem Deutschen Institut der Entwicklungspolitik war die Entwicklungsdebatte lange von Robert Malthus geprägt, der die These vertrat, dass „hohes Bevölkerungswachstum das Wirtschaftswachstum begrenze und somit eine Hauptursache von Unterentwicklung sei“. Laut des Institutes widerlegten Empirische Untersuchungen  die These in den 1980er Jahren, weswegen die Weltbank ihre Bevölkerungsprogramme auslaufen ließ. Entscheidend sei es vielmehr, der Altersstruktur der Bevölkerung Beachtung zu schenken. Laut des Instituts sei den meisten lateinamerikanischen Ländern der Vorteil entgangen, von der vorteilhaften Alterstruktur zu profitieren, da ihre Investitionsbedingungen in den entscheidenden Jahren zu schlecht waren. Laut einer weiteren Studie des Instituts können Afrika, Zentralasien, der Nahe Osten und Indien heute von der demographischen Dividende profitieren. Dies wird jedoch nur geschehen, wenn zeitgleich entsprechende Maßnahmen in wichtigen Bereichen getroffen werden.
„Um der steigenden Geburtenrate Herr zu werden, haben nordindische Behörden eine Lotterie eingerichtet, bei der Freiwillige, die sich sterilisieren lassen, einen Kleinwagen gewinnen können.“ Frankfurter Rundschau, 1.Juli 2011
Zahlreiche Prognosen besagen, dass Indien China als bevölkerungsreichstes Land spätestens im Jahr 2030 überholen wird. Schon in den siebziger Jahren gab es ein umstrittenes Programm zur Geburtenkontrolle im größten Land Südasiens, das die Zwangssterilisierungen von Männern mit zwei oder mehr Kindern vorsah. In Chennai erzählte man mir, wie sich Männer für ein Radio oder einen Fernseher haben sterilisieren lassen. In der größten Demokratie der Welt soll die Regierung unabhängig vom raschen Wachstum der Bevölkerung einen größeren Anteil des Haushaltes für Bereiche Bildung und Gesundheit aufbringen. Seit den wirtschaftlichen Reformen 1990-91 hat sich allerding nicht wirklich viel getan. Noch immer leidet fast jedes zweite Kind unter 5 Jahren an Untergewicht. Hier gibt es große regionale Unterschiede innerhalb des Landes und vor allem große Unterschiede zu China, wo heute keine Hungersnöte herrschen. Indien und China. Zwei unterschiedliche Schulsysteme. Die Alphabetisierungsrate stellt einen weiteren interessanten Indikator dar. In China können 92% der Bevölkerung lesen, wohingegen im Indischen Durchschnitt weniger als 60% diese Fähigkeit besitzen. China und Indien belegten den 89. und 119. Platz im jährlichen Human Development Index der Vereinten Nationen. China und Indien sind zwei unterschiedliche Welten, die bei uns zu oft in einen Topf geworfen werden. Hier muss in vielerlei Hinsicht differenzieren. Eine Gemeinsamkeit beider Ländern besteht darin, dass in ein großes Bildungsgefälle zwischen Stadt und Land besteht. Dann hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Das Recht auf Bildung ist in der Indischen Verfassung verankert. Wie den Menschen zu Ihrem Recht auf Bildung verholfen wird, steht jedoch offen. Wie können Kinder auf dem Land ihrer Schulpflicht nachkommen, wenn Lehrer dem Unterricht fernbleiben, schlecht bezahlt und ausgebildet werden? Mädchen werden in Indien benachteiligt, denn für Ihre Ausbildung interessiert sich kaum jemand auf dem Land. Sie haben anderen Pflichten nachzukommen. In China müssen Schüler mindestens 1.500 chinesischen Schriftzeichen beherrschen, bevor Ihnen eine Lesefähigkeit zugesprochen wird. Indiens Demokratie hängt Chinas Bildungssprung um Meilen hinterher. Den hohen Leistungsdruck unter dem chinesische Schüler lasten, kann man sich in Europa kaum vorstellen. Sie haben kaum Freizeit und verbringen fast den gesamten Tag in der Schule. UNICEF gibt die Alphabetisierung in China, 2010 bei Erwachsenen mit 94,3 % an, bei Kindern & Jugendlichen von 99,4 % . 96,9 % der Gesamtbevölkerung können lesen und schreiben. Die wirtschaftlichen Folgen des demografischen Wandels Staaten, die einen großen Anteil an Alten und Kindern, also wirtschaftlich Abhängigen haben, wenden für diese Gruppen meist einen großen Anteil ihrer Ressourcen auf. Industrialisierte Europäische Länder wie Deutschland oder Japan in Ostasien spüren die Folgen des demografischen Wandels in allen Lebensbereichen. Staaten in denen eine besonders großer Anteil der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter ist, also werktätig ist und spart, profitieren durch stärkere Kapitalbildung und geringe Kosten für wirtschaftlich abhängige Altersgruppen von einem sprunghaften Anstieg des nationalen Einkommens. Dieser Vorgang wird wissenschaftlich auch als die oben erwähnte „demografische Dividende“ bezeichnet, da die die Altersstruktur der Bevölkerung große ökonomische Vorteile für die Gesellschaft mit sich bringt. Für diese Dividende gibt es jedoch keine Garantie, da die Basis für Aufschwung die Möglichkeit zur Schaffung von Arbeitsplätzen sind. Die Rolle des Staates ist an diesem Punkt Voraussetzungen zu schaffen – besonders in den Bereichen von Bildung, Sozial- und Gesundheitssystem, sowie stabilen rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen. Noch profitiert China von der demografischen Dividende, aber das Zeitfenster schließt sich. Zwischen 2015-2020 befindet sich China am Turning Point, wo die Abhängigkeitsraten kontinuierlich steigen. 2030 wird die Altersabhängigkeitsquote im Reich der Mitte 25% betragen, 2050 sogar 40% der Bevölkerung. Eine meiner Professoren warnt, dass China erst altert, bevor es ein „reich“ werden kann. In China herrscht schon und es wird noch größere Altersarmut herrschen, als wir uns das in Europa vorstellen können. Wie der Staat und das fragile Rentensicherungssystem damit umgehen, steht in China wohl an oberster Stelle der Agenda. Die Entwicklungsländer müssen auf den rapiden Wandel heute reagieren, Strukturen schaffen und sich vorbereiten. Sie müssen eine Herkulesaufgabe meistern und die für ihre Sozialsysteme zu erwartenden Herausforderungen besser meistern als die heutigen Industrieländer. In Kürze wird China wohl gezwungenermaßen die Ein-Kind-Politik aufgeben, heute fordern dies schon viele Vetreter aus Gesellschaft und Wissenschaft, unabhängigvon dem Gegenstand der staatlichen Zwangsmaßnahme. Wenn die kleinen Kaiser alt werden… … sieht sich das Reich der Mitte inmitten zahlreicher Herausforderungen, während einige Inder im Kleinwagen aus der Sterilisationslotterie im Stau stehen, die Deutsche Hausfrau, die Herdprämie genießend sich um weniger als 1,5 Zöglinge kümmert und Millionen Hundertjähriger Japaner eine Seealgensuppe bei Sonnenuntergang zu sich nehmen. Grüße aus China, Karl  

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  • Hannes Holdermann sagt:

    asf

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    Jahre