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In der Wildnis liegt die Erhaltung der Welt.
Henry David Thoreau

Wie aus zwei sechs werden

Lina Eine Flugzeug-Ansage drängt sich in mein Ohr – Der Weckruf von Hannes. Ich schlüpfe aus unserem überhitzten Moskito-Paradies. Während ich meine angeschwollene Lippe betrachte, die aussieht als hätte ich versucht, mir im Dunkeln Botox zu spritzen, frage ich mich, wie sich eine einzige Mücke im Laufe der Nacht zu tausenden fortpflanzen kann. Verwirrt über dieses Mysterium, stolpere ich aus dem Zelt. Ich bin froh, dass ich auch mit zerstochener Lippe das Geburtstagslied für Kai singen kann, damit ich am Nachmittag ein Stück des Kuchens genießen darf. Doch bevor Kai den Kuchen anschneidet, haben wir noch viel vor uns. Wir sitzen in unseren Silent-Spots und lauschen der Natur. Plötzlich höre ich ein Knacken hinter mir, dicht gefolgt von einem intensiven Tiergeruch, der mich an ein Pferd erinnert. Ein Bär? Nein, zu leise. Ein Reh? Würde sich nicht so nah heran trauen. Langsam stehe ich auf und tapse zu der nächstgelegensten Person, die ich sehen kann: Pia. Nachdem wir unseren Plan geschmiedet haben, wie wir uns im Notfall gegen einen Bären wehren, schleichen wir zum Ort der Gefahr zurück. Gespannt lauschen wir. Ein Knacken – Stille. Blätter fallen – Stille. Oder war das doch der Atemzug eines auflauernden Tieres? Ich gucke zu meiner Rechten. Pia guckt mit großen Augen zurück. Aber irgendwie scheint sie tiefenentspannt zu sein. Hat sie gar keine Angst von einem Bären verspeist zu werden? Doch bevor ich ihr meine Verwunderung mitteilen kann, werden wir zum Packen unserer Sachen für die Wanderung gerufen. Durch diese Stimme verebbt die Spannung von einem Moment auf den anderen. Ich merke, dass mir eigentlich gar keine Gefahr drohte, da doch überall Menschen um mich herum schwirren. Kurz darauf denke ich mir: Mist. Chance vorbei. Ich hätte gern noch länger in dieser angespannten Stille ausgeharrt. In mir brennt nun die Neugierde herauszufinden, welches Tier uns beobachtet hat. Mehr Zeit darüber nachzudenken finde ich allerdings erstmal nicht, denn es geht auf zur 2-stündigen Wanderung, um den Plot für die Baumvermessung des letzten Jahres zu finden. Dieser Wald ist das komplette Gegenteil zum Wald am Burman-River. Überall unschätzbar hohe Ahornbäume, riesige Devils Clubs, die uns das Leben schwer machen (aber gleichzeitig auch extrem interessant sind) und lauter essbare, bunte Beeren. Also laufen wir fröhlich mampfend weiter, bis wir ein Haus finden. Warte mal – ein Haus? Ein Auto. Was? Fässer, Gläser, Bücher und Messer. Die ganze Szene kommt mir vor, als wären wir in einem Zukunftsroman: Wir sind die letzten Überlebenden, die sich hilflos durch die Wildnis schlagen und auf die Überreste der damaligen Menschen stoßen. Ich warte nur darauf, dass einer von uns beim hektischen Fluchtversuch panisch „Leiche!!“ schreit. Doch nichts geschieht. Selbst im Keller hocken nur einige fette Kröten und ein paar zerfetzte, wettergegerbte Schlafanzüge. Wir suchen nach alten Zeitungen, die uns verraten, wann es an diesem Ort Leben gab. Das Woodcreek-Buch verrät mir die Zahl 1976. Es kann also höchstens 50 Jahre her sein, dass jemand hier war. Doch das Holz der Hütte ist noch nicht zerfallen. 20 Jahre? 15? Das wissen wir alle nicht so genau. Aber wir wissen, dass hier ein Bär oder ein Wolf gewütet haben muss, denn wir finden Zahnabdrücke in sämtlichen Dosen. Das ist alles so aufregend. Wir vermuten, dass hier mal ein Schnapsbrauerschuppen oder eine alte Hütte des Urbesitzers lag. Die spannende Entdeckungstour wandelt sich allmählich in eine Schatzsuche um. Wir finden Töpfe, Radio, Kamera und Axt. Einige Dinge sind wirklich nützlich. Einerseits zur Verteidigung („Hey, guck mal, ich bin Rapunzel!“ ruft Pascale und fuchtelt mit einer Bratpfanne vor meinem Gesicht rum) als auch zur Erleichterung unseres Camp-Lebens. Bald machen wir uns wieder auf den Rückweg. Unerwartet finden wir dann doch noch das eigentliche Ziel unserer Wanderung: den Plot zur Baumvermessung. Noch schnell Feuerholz sammeln, Spuren suchen und ab nach Hause. So schaffen wir es dann nach 6 Stunden endlich im Camp anzukommen, wo der kühle Fluss und der Kuchen schon auf uns warten. Hier habe ich nun endlich wieder Zeit an die Begegnung von heute morgen zu denken. „Der Geruch von Kuhfladen und Pferd?“, fragt Sami, „das ist ein Wapiti-Hirsch!“ Wow. Heute Morgen stand dieses Tier nicht mal 10 Meter von mir entfernt im Wald. SMS aus Kanada: #1 Lina, WIE AUS ZWEI, SECHS WERDEN KANN – Kai hat Geburtstag! – Entdeckung eines Spuk-Hauses – Plot des letzten Jahres endlich gefunden. #2 Aus zwei werden sechs Stunden Wanderung – Johannes und Kai fangen Fische (Abendessen gesichert!) – Panflötenbau.

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  • Hannes Holdermann sagt:

    asf

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