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In der Wildnis liegt die Erhaltung der Welt.
Henry David Thoreau

Dem Kaiman auf der Spur

Es ist 22 Uhr und stockfinster. Dank unserer Stirnlampen erahnen wir gerade so den Weg, der uns von den Hütten im Wald zum Wasser hinunterführt, ans Ufer des Tambopata Rivers. Wir steigen auf das wacklige Boot. Den Tag über hat es viel geregnet, der Wasserspiegel des Flusses ist stark angestiegen. Unser einheimischer Kapitän Samir lenkt das Boot hinaus auf die Mitte des Flusses. Die meisten der Baumstämme, die gestern noch gut sichtbar waren, sind jetzt vom Wasser verdeckt und komplett unsichtbar. An einigen Stellen kann man an einem leichten Kräuseln im Wasser noch erahnen, dass sie trotzdem gefährlich nah unter der Oberfläche liegen und unser Boot beim kleinsten Fehler zum Kentern bringen können. Der Wald am Ufer ist kaum zu erkennen und bietet daher keine Orientierung. Unsere Stirnlampen leuchten hier keine 4m weit. Der Fluss ist mindestens 20m breit. Wie sollen wir denn jetzt unseren Weg auf dem Wasser finden? Woher sollen wir wissen, wo wir uns befinden? Wie weichen wir den Bäumen aus? „Macht die Lampen aus, dann kann ich besser sehen“, bittet uns Samir just in diesem Moment. Erstaunt und unsicher schauen wir uns an, drücken dann aber die Schalter. Es ist nun stockfinster um uns, man hört nur noch das Plätschern des weiterhin steigenden Wassers und die unzähligen Geräusche des Regenwaldes. Wir fahren ins Nichts. Mir rutscht das Herz in die Hose. Warum genau musste ich mich nochmal dieser verrückten Aktion anschließen? Ich könnte jetzt auch sicher und bequem in meinem Bett liegen. Bin ich eigentlich lebensmüde? Das kann doch hier nicht gut gehen, wie um alles in der Welt sollen wir die Baumstämme umfahren und unseren Weg finden? Ich bin irgendwo mitten im Amazonaswald. Mitten auf einem riesigen Urwaldfluss. Und ich habe weder Orientierung, noch die leiseste Ahnung was ich tun soll, falls wir uns verfahren, gegen einen Baumstamm stoßen, ins Wasser fallen, oder, oder, oder… Nach kurzer Fahrt zielt Samir wieder Richtung Ufer. Ohne, dass Absprache nötig wäre, schaltet unser Fotograf und Biologe Fabian seine Taschenlampe ein und scheint aufs Ufer. Er hält aufmerksam Ausschau. Trotz des Lichts erkenne ich weiterhin nichts außer ein wenig Uferböschung. Fabian beginnt zu zeigen, und irgendwann erblicke auch ich kleine Reflexionspunkte kurz über der Wasseroberfläche und am Ufer. Kaimanaugen. Wir haben sie gefunden. Fabian gibt ein Signal und Samir lenkt das Boot ans Ufer. Fabian springt aus dem Boot und kämpft sich durch das flache Wasser und die zahlreichen Gewächse. Plötzlich sieht man ihn ruckartig mit den Händen in Richtung Boden schießen. Dann ruft er begeistert und kommt auf uns zu. In seinen Händen hält er einen 50cm langen Kaiman. Und obwohl manch einer nun sicherlich meinen würde, hier lauere jetzt die größere Gefahr des Abends – ich vergesse sofort die Sorgen, die mich bis eben noch umgetrieben hatten. Der fast einzige und größte Feind des Kaimans ist der Mensch. Indem wir ihn wildern und seinen Lebensraum Stück für Stück zerstören, haben wir einige Kaimanarten bereits an den Rand des Aussterbens gebracht. Ich bin völlig fasziniert von der Schönheit und uralten Wildheit dieses Tieres. Ich habe mich zu Tode gefürchtet angesichts des nächtlichen Urwaldflusses, während dieser junge Kaiman jede Nacht wachsam und bestimmt für sich selbst kämpft, perfekt angepasst an seine Umgebung. Das hier ist sein Reich, nicht meines. Mit diesem jungen Kaiman hat sich ein weiterer Grund in mein Herz eingeschrieben, warum ich diesen fantastischen Fleck Erde unbedingt für immer schützen möchte. -Henriette  

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  • Hannes Holdermann sagt:

    asf

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