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In der Wildnis liegt die Erhaltung der Welt.
Henry David Thoreau

Die kanadische Westküste aus der Vogelperspektive

Nach 10 Tagen Wildnis auf Porcher Island und einem halben Tag „Säubern“ in einem Hotel von Prince Rupert sitze ich nun im Flugzeug nach Vancouver. Ich habe die japanische Glasboje in ein gefundenes Fischernetz gebunden und trage sie mit mir herum. Sie wird allgemein bewundert (von Leuten, die wissen, was ich da mit mir rumtrage) und wahrscheinlich belächelt von allen anderen. Prince Rupert ist die am nördlichsten gelegene Stadt der kanadischen Westküste, nur wenige Kilometer vor der Grenze zu Alaska. Sein winziger Flughafen lässt schon erahnen, dass man sich hier weitab von Menschenmassen am Rande der Wildnis befindet. Wir hatten unser Gepäck in den Lastwagen am Highland Inn geladen, zusammen mit dem der anderen Passagiere, und waren mit dem Bus auf die kleine Fähre gefahren, die uns zu dem Flughafen brachte, der auf Digsby Island gelegen ist. Dort mussten wir unser Gepäck von der gerade mal fünf Meter langen Gepäckrampe wieder entnehmen und zehn Meter weiter richtig einchecken. Schließlich ging es über das kleine Rollfeld zu der kleinen Maschine. Hier sitze ich also nun, Sitz Nr. 1A, am Fenster – und genieße die Aussicht. Der Pilot hat uns eben durchgesagt, dass der Flug nach Vancouver eine gute Stunde dauern wird. Ich blicke zurück auf die unberührten Wälder und Moore der zerklüfteten Küste mit ihren vielen kleinen Inseln, die eine Zeitlang mein Zuhause war. Es kommt mir sehr vertraut vor und verschwindet viel zu schnell unter einer dichten Wolkendecke. Nun reißen die Wolken wieder auf und geben den Blick frei auf schneebedeckte Berggipfel, die in schier endloser Menge unter mir hinweggleiten. In bemerke einige kreisrunde Vulkankrater und verfolge die Flüsse, die sich in den Tälern ihren Weg abwärts bahnen. Dann tauchen unter mir riesige Gletscher auf, die grünlich-weiß gestreift in langen Zungen die Täler überziehen. Weit ins Land hinein ragende Meeresbuchten durchziehen die Landschaft unter mir. Dorthinein münden die Flüsse, zum Teil in ausgedehnten Deltas, und sie verfärben das grünliche Wasser. Andere Wasserflächen glitzern dunkelblau, insbesondere die Seen, die weiter oben in den Tälern zu schlafen scheinen. Schließlich werden die Straßen häufiger. Sie fallen auf durch ihr Zickzack, das sich die Hänge hinauf zieht und immer am Meer beginnt – und deutlich zu sehen sind die hellbraunen Flecken drum herum: Kahlschläge, die sich immer mehr ausdehnen und immer zahlreicher werden, je weiter wir nach Süden vordringen. Jetzt fallen mir auch die Siedlungen ins Auge.  Kleine Schiffe malen weiße Linien in die Wasserflächen, die mal türkis, mal grünlich und dann wieder dunkel schimmernd unter uns liegen. Und darauf immer wieder braune, gestreifte „Inseln“: große Flächen von aneinander geketteten Baumstämmen. Aus der Vogelperspektive wird deutlich, dass der Wald hier ganz anders strukturiert ist: schon von hier oben kann man sehen, dass sich unter uns große Monokulturen und homogene Waldflächen ausbreiten, unterbrochen von hellbraunen frischen Kahlschlägen. Nun werden die Siedlungen und Häfen häufiger, verbinden sich schließlich zu einer Großstadt – Vancouver. Von oben erkenne ich deutlich Stanley Park, dann Downtown mit seinen unvergleichlichen Skyscrapern, daneben zwei große Kreuzfahrtschiffe, Yachthäfen, Gastown. Und dann die Vororte, in denen die kleinen Häuser fein säuberlich angeordnet im gleichmäßigen Straßennetz stehen, zum Teil mit leuchtend blauen Pools, Brücken, Eisenbahnschienen und geometrisch gemusterte Felder. Spätestens im Flughafen wird deutlich: wir haben die Abgeschiedenheit weit hinter uns gelassen! Dies ist eine Großstadt – und zwar eine mit einem wirklich schönen Flughafen (dem schönsten, den ich kenne). Aber schon jetzt vermisse ich die Ruhe und Abgeschiedenheit in der Hektik und Betriebsamkeit des Alltagslebens. Und ich weiß eines ganz sicher: ich werde wiederkommen, zurück zu der unbeschreiblich friedvollen und ruhigen Wildnis der kanadischen Westküste mit ihren letzten unberührten Wäldern, den faszinierenden Moorlandschaften und der wohltuenden Einsamkeit. Danke!

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  • Hannes Holdermann sagt:

    asf

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    Jahre