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In der Wildnis liegt die Erhaltung der Welt.
Henry David Thoreau

Ein Bericht aus dem Jahr 2069 – Willkommen in Nepal

Namaste! Nein, liebe Leser, ich behaupte nicht, in der Zeit reisen zu können. Und nein, ich möchte hier auch keine möglichen oder unmöglichen Zukunftsszenarien schildern, die allein meiner Fantasie entspringen. Denn meine Fantasie könnte das, worüber ich berichten möchte, bei Weitem nicht so bunt, laut, und wunderschön, aber auch grausam, schmutzig und erbarmungslos beschreiben, wie es hier in diesem Land die Wirklichkeit tut. Es ist das Land unter der Krone der Welt, das Land der einsamen Kinder und reichen Touristen, ein Land der Gegensätze, der Vergnügungen und der bitteren Armut. Seit fünf Wochen befinde ich mich nun in Nepal, und die Zeit rast nur so an mir vorbei. Die politische Geschichte dieses Landes lässt sich zusammenfassen als eine Geschichte der Monarchie, zeitweise der konstitutionellen Monarchie, in der sich blutige Massaker im Königshaus aneinander reihten. Das letzte davon fand im Jahr 2001 statt, als der Königssohn das gemeinsame Familienabendessen mit Schüssen aus einer automatischen Waffe zu einem tragischen Abschluss brachte, seine Eltern und sechs weitere Familienmitglieder tötete, mehrere andere Menschen verletzte und anschließend auf sich selbst schoss. So lautet die offizielle Version dieses tragischen Ereignisses, ihre Richtigkeit wird jedoch angezweifelt. Die ersten demokratischen Wahlen in Nepal fanden im Jahr 1991 statt. Zwischen 1996 und 2006 führte die kommunistische (maoistische) Partei einen Krieg gegen die Monarchie und das hinduistische Kastensystem, der im Jahr 2005 seinen Höhepunkt fand, als König Gyanendra (der Bruder des Prinzen, der beschuldigt wurde, seine Familie umgebracht zu haben) seine gesamte Regierung entließ und unter anderem den Premierminister unter Hausarrest stellte, angeblich, da ihm dieser keine Einigung mit den maoistischen Rebellen aus dem Ärmel zaubern konnte. Die Maoisten kontrollierten zu diesem Zeitpunkt bereits fast 80% des Landes. Doch alle von ihnen verübten Verbrechen rechtfertigen in keiner Weise das ebenfalls grausame Vorgehen des Militärs zu dieser Zeit, welches auch gegen nur vermeintliche Sympathisanten der Maoisten brutal vorging. Ausländische und inländische Stimmen übten großen Druck auf den König aus. Streiks  und Proteste in den Straßen Nepals zeigten ihm die Schranken seiner Macht und forderten eine verfassungsgebende Versammlung sowie die Wiedereinsetzung des Parlaments. Der internationale Druck wuchs. Im April 2006 schließlich erklärte der König die langersehnte Wiedereinsetzung des Parlaments. Als Folge verlor er alle absolutistische Macht und konnte ab diesem Zeitpunkt nur noch repräsentative Aufgaben wahrnehmen. Der neue Premierminister unterzeichnete einen Friedensvertrag mit den Maoisten, und am 28. Mai 2008 rief die verfassungsgebende Versammlung schließlich die Republik aus. Der heutige Premierminister ist übrigens der ehemalige Stellvertreter des Maoistenführers zu Zeiten des Bürgerkriegs. Sowohl der Frieden als auch die Demokratie sind noch jung in Nepal. Auf eine Verfassung wartet man bis heute vergeblich. Und ich wage zu behaupten, dass nicht viele Nepalesen sonderlich sehnsüchtig warten. Dies hat weder mit Desinteresse noch mit Ignoranz zu tun. Die meisten Menschen hier haben einfach andere Probleme. Sie wissen nicht, wie sie ihre Kinder ernähren, geschweige denn ihre Ausbildung finanzieren sollen. Sie wissen nicht, was der nächste Tag bringt, oder das nächste Jahr. Aber sie danken den Göttern für ihr Leben. Doch immer der Reihe nach. Nach wie vor ist Nepal eines der ärmsten Länder der Erde, auch wenn sich der Tourismus in den letzten Jahren zu einem guten Geschäft entwickelt hat. Immer mehr Menschen aus aller Welt kommen hierher, denn am Fuße des Himalayas werden ihnen Wanderabenteuer, Naturerlebnisse, Raftingtouren, Paragliding und nebenbei eine gehörige Portion fremder Kultur geboten. So fremd, dass dem Reisenden, der zum ersten Mal in Kathmandu ankommt, zunächst einmal der Mund offen stehen bleibt angesichts dieser Stadt. Dazu ein kurzer Ausschnitt aus der ersten E-Mail, die ich meiner Familie nach meiner Ankunft gesendet habe: „Ich fühlte mich wie in Trance. Die Straßen sind nur selten geteert, und wenn, dann sind riesige Löcher drin. Manchmal halten die Autofahrer davor an und lassen sich rein- und wieder rausrollen. Am Straßenrand konnte ich im Dunkeln erkennen, dass überall Leute standen und saßen und sich an offenen Feuern wärmten. Die Stromleitungen sind in der ganzen Stadt abenteuerlich, ein Wust an Kabeln, die man einfach an irgendwelche Holzmasten gebunden hat, in der Hoffnung, das Ganze hält. Und dann ist überall Dreck und Müll. Alles ist staubig, mein Taschentuch ist manchmal stellenweise schwarz, wenn ich mir die Nase geputzt habe. Flaschen, Plastiktüten und Undefinierbares säumen den Straßenrand. Wenn man auf der Straße unterwegs ist, wird man überall begleitet von einem unglaublich nervigen Hupkonzert. Hier ist Linksverkehr, aber das habe ich anfangs gar nicht wahrgenommen, denn es gibt einfach keine Regeln. Vorfahrt hat, wer am dreistesten fährt. Und es kommt häufiger vor, dass sich mitten im Verkehr plötzlich zwei Autos gegenüberstehen. Das findet aber keiner komisch. Ich habe beschlossen, dass ich mir einen Mundschutz kaufen werde, weil die Abgase und der Staub wirklich in der Lunge zu spüren sind. Auf die besonders staubigen Straßen spritzen sie manchmal Wasser, damit es nicht ganz so stiebt, stattdessen ist dann aber alles matschig. Was einem hier auch ständig begegnet, sind Tiere. Überall verlauste Hunde, die im Dreck nach Nahrung suchen. Ab und zu eine dürre Kuh oder Ziege, und viele magere Hühnchen.“ Der Stadt Kathmandu habe ich nach drei Wochen Aufenthalt innerlich jubelnd den Rücken gekehrt, um meine Reise nach Pokhara fortzusetzen. Diese Stadt die drittgrößte des Landes, wunderschön an einem idyllischen See gelegen, und im Vergleich zu Kathmandu kann man sie als eine Oase der Ruhe und Sauberkeit bezeichnen. In den 1960er und 70er Jahren war sie das Paradies der Blumenkinder und Kiffer, heute jedoch behauptet sie stolz von sich, eine „drug-free-zone“ zu sein… Die mit Abstand wichtigste Religion, wenn auch nicht mehr Staatsreligion, (denn Nepal ist seit dem Jahr 2006 ein säkularer Staat,) ist der Hinduismus. Der offizielle Kalender hier beginnt mit seiner Zeitrechnung in unserem Jahr 57 v.Chr., und Mitte April wird das neue Jahr begrüßt – ich bin schon sehr gespannt darauf, wie dieses Fest wohl aussehen mag. Ab diesem Tag werde ich mich dann also bereits im Jahr 2070 befinden. Kinder, wie die Zeit vergeht! Soviel zum Äußeren. Doch wie sieht es eigentlich aus mit der Religiosität der Menschen hier? Warum darf man sein Essen nur mit der rechten Hand berühren? Kennt man in Nepal das Wort Naturschutz? Und warum gibt es in nepalesischen Städten in beinahe jeder dritten Straße in größeren Städten ein Kinderheim? Auf diese und noch viel mehr Fragen über dieses Land werde ich versuchen, auf meiner Reise Antworten zu finden. Ob, und wie erfolgreich ich bin, das werdet Ihr auf dem Wildblog nachlesen können. Namaste! (Dieses hinduistische Grußwort bedeutet nicht „schönen Tag noch“ oder „cheers mate“, obwohl es genauso lässig dahergesagt wird, sondern es heißt „ich verehre den Gott in dir“.)   Ausführlicheres über die Geschichte Nepals lässt sich auf dieser Seite in Erfahrung bringen: http://www.destination-asien.de/nepal/geschi.htm DSCF0343Strommast mit KabelwustSee bei Pokharabuddhistisches Kloster

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  • Hannes Holdermann sagt:

    asf

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