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In der Wildnis liegt die Erhaltung der Welt.
Henry David Thoreau

Ein Stück unberührter Natur inmitten des Farmlandes (Artikel vom 02.01.2012)

Liebe Wildblog-Leser,

es stürmt, Blitze zucken, Donner grollen. Ich schaue aus dem Fenster und bin froh, im Bus zu sitzen und gerade nicht im Zelt auszuharren.
Für mich geht es Richtung Mt. Egmont/ Taranaki, wohl dem Vorzeigevulkan Neuseelands. Pünktlich während meiner Ankunft reißt der Himmel auf und gibt den Blick frei auf den mit Schnee bedeckten 2500 Meter hohen Vulkan. Wie in einem Bilderbuch steht er vor mir.

Nur wenige Tage später besteige ich den Vulkan bis zum Gipfel – bei sommerlichen Temperaturen spaziere ich durch den Schnee am Kraterrand entlang mit einem traumhaften Blick zu den anderen Vulkanen in der Mitte der Nordinsel und dem Tasmanischen Ozean im Westen.

Anschließend bin ich mit Simon, dem Leiter des Rotokare Trusts, verabredet. Schon am Morgen regnet es in Strömen, aber nun gut, ich kann nicht immer Glück mit dem Wetter haben.
Kara, eine Mitarbeiterin der Naturschutzorganisation, bringt mich zum Rotokare Lake. Zunächst fahren wir einige Kilometer durch das Farmland. Schließlich erreichen wir einen Zaun, der eher dem eines Hochsicherheitstraktes gleicht. Die erste Tür eines Gates öffnet sich. Nachdem sich diese geschlossen hat, öffnet sich die zweite. Ich muss sagen, dass ich mir dabei schon ein wenig wie im Juressic Park vorkomme. :)
Doch warum dieser ganze Aufwand? Was versteckt sich hinter diesem millionenschweren ca. 8,2 Kilometer langen Zaun?
Das letzte Tor öffnet sich und wir fahren einige hundert Meter weiter, bis wir an den Lake Rotokare gelangen. Dieser ist umgeben von natürlichem Regenwald. Insgesamt umfasst das Gebiet 230 Hektar. Dies wirkt vielleicht nicht riesig, doch handelt es sich um das größte Gebiet auf dem Festland Neuseelands, welches komplett frei von jeglichen eingewanderten Tieren und Pflanzen ist – sieht man einmal vom europäischen Gras an einigen Stellen ab.
Damit erklärt sich auch, weshalb all dieser Aufwand betrieben wird. Die Probleme mit all den meist aus Europa mitgebrachten Tieren sind einfach immens. Wären diese einfach nur da, wäre das Problem nicht groß, doch zerstören sie große Teile der einheimischen Flora und Fauna.
Und wieder begegnet mir das wichtigste Aufgabengebiet des neuseeländischen Naturschutzes: Killing, killing, killing. Insbesondere für alle Nicht-Neuseeländer klingt dies brutal, ist es vielleicht letztlich auch, doch anders ist den Plagen hier nicht Herr zu werden.

Bei diesem Projekt handelt es sich um ein Vorzeigeprojekt des neuseeländischen Naturschutzes. Simon nimmt mich mit auf eine Zaunbesichtigung, dem wichtigsten Bestandteil der Arbeit hier. Nur ein zwei Zentimeter großes Loch würde ausreichen, dass sich durch dieses eine Maus in das Naturschutzgebiet begeben könnte.
Egal welches Wetter, diese Zaunbegehung findet ein, bei schlechtem Wetter gar zweimal die Woche statt. Wie bereits erwähnte, habe ich einen eher schlechten Tag erwischt. Bei Regen wandern wir drei Kilometer den Zaun entlang und suchen nach Unregelmäßigkeiten.
Dieser Zaun ist bis in das kleinste Detail ausgetüftelt – einfach nichts wird dem Zufall überlassen. Ein Zaun, hinter welchem viel Forschung steckt. Vereinfacht gesagt wird nach dem System vorgegangen: Wir denken, wie ein Possum. Wir denken, wie eine Maus. Wir denken, wie ein Wiesel. Und so weiter.
Simon erzählt mir viel über dieses Projekt und seine Ansichten des Naturschutzes. Da ist der Regen auch schnell vergessen.
Über dem Zaun befindet sich in ca. 2,5 Metern ein Stromkabel. Würde ein Mensch dieses berühren, so würde er einige Meter fortgeschleudert werden. Simon zeigte mir vieles direkt, das lies er dann aber doch lieber sein. ;)
Sinn dieser Sicherheitsanlage ist die ständige Kontrolle des Zauns. Würde ein Baum auf diesen Fallen, so würde sofort eine Alarm ausgelöst werden. Simon wohnt direkt am Lake. Im Falle eines Falles würde er, egal ob zwei Uhr nachts und Sturm, Richtung Unglücksstelle aufbrechen. Zugleich geht eine Warnung an viele weitere Helfer in der Umgebung heraus, welche ebenfalls sofort zum Lake eilen würden. An der Stelle, wo der Zaun zerstört ist, hat nun im Unglücksfall jeder Helfer seine spezielle Aufgabe. Die einen versuchen den Zaun schnellstmöglich wieder aufzubauen, andere schießen mit Gewehren auf alle Tiere (solange es keine neuseeländischen sind, versteht sich), welche sich dem Zaun nähern. Oberstes Ziel: Nichts darf in dieses Gebiet, was nicht dorthin gehört.
Für mich ist dieses Projekt mehr als beeindruckend. Es ist unglaublich, welch Aufwand betrieben werden muss, um ein Gebiet wirklich komplett „pest-free“ zu halten.
Die Kosten werden größtenteils durch Sponsoren getragen, nur einen kleinen Teil übernimmt die Regierung. Gebaut wurde der Zaun im Jahr 2006, mithilfe der Unterstützung der umliegenden Gemeinden. So ist einer der wichtigsten Aspekte die Zusammenarbeit mit den Einwohnern, denn ohne deren Rückhalt könnte dieses Projekt nicht umgesetzt werden. Und die Unterstützung bemerke ich auch außerhalb des Naturschutzgebietes.
Trotz des Hochsicherheits-Zauns ist dieses Gebiet aber für jeden frei zugänglich. So können Einwohner und Besucher diesen Lake besuchen, auf Booten die Stille genießen oder den gut ausgebauten Wanderweg erkunden.
Am Ende unserer Arbeit, es ist übrigens Pfosten Nummer 450, gehe ich von der Außenseite des Zauns wieder auf die Innenseite, indem ich wiederum zwei Türen durchschreite – Sicherheit geht vor.
Auf dem Rückweg durchwandern wir den Urwald. Ich habe nie zuvor so viele Pflanzenbestandteile von verschiedenen Bäumen gegessen, wie an diesem Tag, denn Simon zeigte mir allerhand Tricks, wie ich im neuseeländischen Wald überleben kann, falls ich verloren gehen sollte. Eine dieser Blätter führte beispielsweise in meinem Mund dazu, dass ich kaum noch etwas gefühlt habe – ein gutes Mittel, falls man einmal eine Betäubung gegen Schmerzen in der Wildnis braucht.
Zum Schluss hieß es dann noch: Fallen aktivieren! Tut man dies nicht vorsichtig, so kann man schnell einen Finger los werden, oder auch zwei. Ich kann euch jedoch beruhigen, alle meine zehn Finger sind noch an meinen Händen, während ich diesen Artikel schreibe. :) Eine beeindruckende Tatsache nannte mir Simon noch: Um die 90 Prozent der Arbeit im Naturschutz Neuseelands beschäftigt sich mit Fallen und Gift, also der Tötung von europäischen und australischen Tieren und Pflanzen. Anderes Land, anderer Naturschutz.
Fast hätte ich noch einen Kiwi-Vogel gesehen. Mitten auf dem Weg blieb Simon stehen: „I can smell it!“
Seine feine Nase ist beeindruckend, doch leider war kein Kiwi im Unterholz zu finden.

Dieser Tag wird mir auf jeden Fall in Erinnerung bleiben, zeigte er doch eindrücklich, wie groß die Probleme mit den nicht einheimischen Tieren in Neuseeland sind.
Ich bin schon gespannt, wie sich dieses Projekt weiterentwickeln wird. Zwecks eventueller weiterer Kooperationen bleiben wir auf jeden Fall in Kontakt, sodass es also vielleicht auch in Zukunft Neuigkeiten zu diesem Projekt auf dem Wildblog zu lesen gibt. Und wenn ich nochmal die Möglichkeit in den nächsten Monaten habe, auf die Nordinsel zurückzukehren, so werde ich vielleicht diesem Projekt einen etwas längeren Besuch abstatten.

Soviel aus dem Kiwi-Land, in welchem mittlerweile der Sommer ausgebrochen ist.

Viele Grüße
Josef

7 Er gleicht einer Hochsicherheitsanlage6 Der Zaun5 Im Regenwald4 Fallen - wichtigster Bestandteil des Naturschutzes in Neuseelands3 Ein Platz, um den Regenwald zu genießen2 Gut ausgebauter Wanderweg

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  • Hannes Holdermann sagt:

    asf

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