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In der Wildnis liegt die Erhaltung der Welt.
Henry David Thoreau

Forschungsmittelpunkt am Ende der Welt – Ein Porträt

Liebe Wildblog-Leser, ich quäle mich den Berg hoch – Meter für Meter, Pedalentritt für Pedalentritt. Der Gipfel scheint in weiter Ferne, doch mit jedem Höhenmeter wird die Sicht über den Akaroa Habour besser. Endlich, nach einem ewig langen Anstieg, erreiche ich den Kamm. Vor mir erstreckt sich nun der Pazifische Ozean mit seiner tiefblauen Farbe. Was bewegte mich dazu, diesen Berg mit dem Fahrrad zu erklimmen? Eine lebende lokale Legende: Hugh Wilson. So wirkte es zumindest für mich, denn ich hörte diesen Namen etliche male. Weshalb er solch eine lokale Berühmtheit ist, erfuhr ich später. Nun ließ ich mich erst einmal rollen, bis nach einigen Kurven ein Haus zum Vorschein kommt. Und als ich das Tor erreiche habe ich auch Hinewai erreicht. Ich wusste, dass es sich hierbei um ein großes Naturschutzprojekt auf der Banks Peninsula, einer Halbinsel vulkanischen Ursprungs vor Christchurch, handelt. Mehr nicht – umso interessierter war ich, darüber mehr zu erfahren und Hugh Wilson persönlich kennenzulernen. „Where are you from?“ – „Germany“ – „Guten Tag und willkommen. Es ist eine sehr schöne Tag heute“. Mit diesen freundlichen Worten wurde ich empfangen. Nachdem ich mich erst einmal vorstellte, wurde ich gleich zum Kaffee eingeladen. Hugh Wilson, 67 Jahre jung, ist Leiter des Naturschutzprojektes, welches das eifrigste und zugleich auch größte wissenschaftliche Projekt der Halbinsel ist. Es ist unglaublich, wie fit dieser Mann ist – einst beschloss er, nicht mehr mit Autos zu fahren, sodass nur das Fahrrad bleibt. Hiermit fährt er in die Stadt, 700 Meter tiefer gelegen, und zurück, um alle Lebensmittel zu holen. Allein das ließ mich schon sehr erstaunen. Doch noch viel spannender ist die Geschichte seines Lebens und des Naturschutzgebiets. Letztlich hatte ich das Glück, für eine Woche mitzuhelfen und so einen besseren Einblick zu bekommen. Eine unvergessliche Zeit… Ein Vollblut-Botaniker – so könnte man Hugh Wilson beschreiben. Geborgen in Timaru und aufgewachsen in Christchurch verließ er nach der Schule das wunderschöne Neuseeland, um in Borneo für ein Jahr Englisch zu lehren. Von dieser Zeit tief geprägt, kehrte er nach Christchurch zurück, um Philosophie und Englisch zu studieren. Doch ein Bereich interessierte ihn ganz besonders, das Fach der Botanik. Nach dem Studium der Pflanzenlehre zog es ihn in die entlegensten Ecken Neuseelands. In Forschungsprojekte involviert arbeitete er am Mt. Cook, höchster Berg Neuseelands, und auf Stuart Island, einer südlich von Neuseeland gelegenen Insel. Erforscht wurde die Flora dieser Gebiete, immer der Frage nach: Wie viele und welche Pflanzen sind vorhanden? Dies ist auch der Grund für seine Bekanntheit unter Kollegen, denn nach jahrzehntelanger Arbeit veröffentlichte er mehrere botanische Bücher über die beiden Regionen. Doch vor 25 Jahren zog es ihn an einen anderen Ort, zur Banks Peninsula. Diese Halbinsel hat eine sehr abwechslungsreiche Geschichte hinter sich. Erst von Urwäldern bewachsen, wurden diese durch zwei Besiedlungswellen, die der Polynesier und später der Europäer, komplett gerodet. Viele, viele Quadratkilometer von Beech-Forest schienen für immer verloren. Doch viele Anwohner wollten die Zukunft, welche zur Geschichte werden wird, umschreiben. Und so wurde Hugh Wilson gefragt, ob er nicht ein Gebiet finden könne, welches lohnenswert wäre, wieder renaturiert zu werden. Es hätte wohl kaum eine schönere Aufgabe für ihn geben können. Gesucht – gefunden! Das jetzige Hinewai Reserve besitzt ein beachtliche Größe von 1250 Hektar. Mit Bergen von über tausend Metern Höhe und malerischen Buchten am Fuße von diesen hat dieses Naturschutzgebiet fast alles zu bieten. Einige Bereiche, ca. 50 Hektar, beinhalten letzte Überbleibsel des alten Primärwaldes. Doch größtenteils handelt es sich um Sekundärwald, welcher durch die nachwachsenden Pflanzen entstanden ist – denn wichtigster Teil des Projektes ist es, dass keine Bäume gepflanzt werden, sondern sich die Natur von selbst ihr Reich zurückerobert. Und genau dieser Wald ist es, der im Forschungsmittelpunkt steht. Wie schnell wächst ein Wald wieder komplett nach? Welchen Einfluss haben eingewanderte Pflanzen aus anderen Ländern? Wie viel Kohlenstoffdioxid bindet dieser Wald verglichen mit dem Primärwald und wie schnell findet eine Entwicklung statt? Welche Auswirkungen zeigt der Klimawandel auf dieses Projekt? Dies sind nur einige der Fragen, welche hier untersucht werden. Und daher wundert es auch nicht, dass es sich hier um einen Treffpunkt von Forstwissenschaftlern, Biologen, Meteorologen, Klimatologen und Botanikern handelt. Auch nicht zu vergessen sind die Geologen, welche hier ihre Seismographen installiert haben. Während ich mit Hugh Holz für den kommenden Winter säge, erzählte er mir all diese interessanten Geschichten und Fakten, und dass er vor 25 Jahren ebenso gefragt wurde, ob er denn dieses Projekt als Manager begleiten möchte. Seine Antwort: „Ja, jaa, jaaaa! Ich kann mir nichts besseres vorstellen!“ Gesagt, getan – bis heute kann er sich kein anderes Projekt vorstellen und man merkt in jeder Sekunde, mit welchem Herzblut er bei der Sache ist, was mich tief beeindruckt Die nächsten Tage wandern wir durch den Wald, im Schlepptau eine große Gruppe an Forstwissenschaftlern. Sie sind hier, um eine der genannten Fragen zu klären – wie groß ist der Carbongehalt der Pflanzen im renaturierten Wald? Unterdessen fliegt ab und an ein Robin vorbei, ein kleiner Vogel, welcher mehr als neugierig ist, was hier geschieht. Er scheint jegliche Scheu verloren zu haben und setzt sich fast auf meinen Arm. Hugh spricht mit ihm ausschließlich maorisch – es ist das Land der Ureinwohner Neuseelands und all diese Lebewesen sind Teil davon. Aus diesem Grunde wählt er respektvoll diese Sprache. Mittlerweile wundert es mich auch nicht mehr, weshalb mir so viele der umliegenden Bewohner von ihm erzählten. Chris Todd, Manager von Forest and Bird auf der Südinsel, der größten Naturschutzorganisation Neuseelands, fasste es knapp und klar zusammen: „He’s a wonderful human being“ Mich bewegen solche Projekt sehr, zeigen sie doch, was man mit genügend Willenskraft für beeindruckende Ergebnisse erzielen kann. Und sind sie doch den wenigsten bekannt, da kaum jemand in diese entlegene Ecke unserer Erde kommt. Die folgenden Tage steht ein weiteres Großprojekt für das Hinewai Reserve an. Es war der 4. September 2010. An diesem Tag begann ein dunkles Kapitel für Christchurch und die umliegenden Regionen. Ein heftiges Erdbeben erschütterte die Region und ließ tonnenschwere Felsbrocken durch die Täler des Naturschutzgebietes rollen. Unfassbar, welche Energien bei solch einem Beben frei werden. Leider wurde auch das Manager-Haus arg beschädigt – gut kann ich die Risse sehen, welche sich durch die Wände ziehen, als ich in der gemütlichen Küche Tee trinke. Aus diesem Grund wird nun ein neues Haus errichten, bei dessen Aufbau viele Verwandte und Freunde mithelfen. Seine Geschwister haben jeweils ähnlich abwechslungsreiche Lebensgeschichten zu erzählen – und begrüßt wird sich auf maorisch. Die Lebensfreude in ihren Gesichtern ist wunderbar anzusehen. Nach einigen Tagen endet für mich die unvergessliche Zeit in Hinewai. Als Abschied unternehme ich eine Tageswanderung durch das Gebiet. In jahrzehntelanger Arbeit wurden Tracks angelegt, welche Besuchern die Möglichkeit geben, das Areal zu erkunden. Gleich in der Nähe befinden sich noch uralte Bäume, welche als Red Beech bezeichnet werden. Schnell wechselt das Bild und viele verkohlte Bäume erstrecken sich vor mir. Erst im letzten Jahr wurde ein recht großer Teil des Waldes durch ein Feuer, ausgelöst durch einen Blitzschlag, niedergebrannt – doch das ist Teil der Natur. Schließlich erreiche ich eine kleine Bucht mit einem traumhaften Strand. Auf dem Rückweg folge ich dem Flusslauf, entlang welchem immer wieder wunderschöne Wasserfälle zu sehen sind. Mein Eindruck: Das Projekt ist ein riesiger Erfolg. Und dieser Eindruck deckt sich mit dem von Hugh Wilson und den Wissenschaftlern. Die jahrelange Forschungsarbeit zeigt, dass die Renaturierung bzw. das Sich-Selbst-Überlassen des Gebiets noch schneller im positiven Sinne voranschreitet, als man es sich erhofft hatte. Teils gehen sogar eingewanderte Pflanzen, wie das gelb blühende stachelige Gore und die einheimischen Gewächse eine Art Symbiose ein. Dadurch, dass erstere schneller wachsen, geben sie den bekannten Baumriesen eine Chance, sich wieder geschützt anzusiedeln. Insgesamt konnten 327 neuseeländische Pflanzen in Hinewai nachgewiesen werden. Ich bin schon gespannt, wie sich dieses Projekt weiterentwickeln wird. Und ich bin mir sicher, dass man aus dieser Region noch einiges hören wird. Ich bin sehr dankbar, dass ich für einige Tage Teil des Projektes sein durfte und so verlasse ich das Naturschutzgebiet mit vielen schönen Erinnerungen im Gepäck. Dieses mal nicht mit dem Fahrrad, sondern mit Wanderschuhen und Rucksack. Denn die Reise geht weiter, weiter ins Unbekannte… Aus Neuseeland grüßt euch Josef Anmerkung vom Autor: Dieser Text wurde am 30. April 2013 inhaltlich angepasst. Fälschlicherweise wurde das Projekt als „Wiederaufforstungsprojekt“ bezeichnet, doch ist insbesondere hervorzuheben, dass keine/ kaum Neupflanzungen im Reserve vorhanden sind. Stattdessen holt sich die Natur ihr Reich selbst zurück.
8 Auf der Arbeit
4 Wandern durch wunderschöne Landschaften
Copyright aller Bilder: Josef Kaiser

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  • Hannes Holdermann sagt:

    asf

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    Jahre