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In der Wildnis liegt die Erhaltung der Welt.
Henry David Thoreau

Kanada – der WWOOF-Monat

Die letzten fünf Wochen waren wieder etwas völlig anderes und echt eine einmalige Erfahrung. Nach einer Nacht im Greyhound kam ich am 28.8. morgens auf meiner ersten Farm in der Nähe von Kelowna an. Bis heute weiß ich nicht, ob man das, wo ich nun die nächsten zwei Wochen verbrachte, wirklich eine Farm nennen kann. Es war eine Ansammlung von Zelten und Wohnwagen, dazwischen ein Plumpsklo, am Rande ein paar Pferdekoppeln, ein paar weitere Zelte in denen die Pferdeausrüstung untergebracht war und ein Reitplatz. That’s it. Der beste Vergleich, der mit bisher eingefallen ist, ist der eines Wanderzirkus, denn genauso sah ‚Okanagan Stables‘ aus. Geleitet von einem Alkoholiker, der supernett und großzügig, aber auch ein Vollspinner war, dazu seine Freundin, geschätzte dreißig Jahre jünger, die vor vier Jahren auch über WWOOF zu der Farm kam und einfach da geblieben ist. Und, mein großes Glück: am selben Tag wie ich tauchte noch eine weitere WWOOFerin auf, die Österreicherin Franzi, ohne die das Arbeiten auf dieser Farm nur halb so lustig und schön geworden wäre. Meine Aufgaben beruhten auf Touristenabfertigung, rauf aufs Pferd, eine längere Einweisung auf dem Reitplatz und dann raus ins Gelände und dort eine Stunde durch die traumhaft schöne Landschaft reiten. Und das 3-4 mal am Tag. Einziges Problem: Der Staub! In der Gegend hatte es schon seit mehreren Monaten nicht mehr geregnet, sodass man sich in einer permanenten Wolke befand. Auch das Abduschen habe ich nach einer Weile aufgegeben, drei Minuten später sah man eh wieder aus wie zuvor. Die Pferde waren cool, zum Teil jedoch sehr schlecht erzogen, da der Großteil immer nur im Sommer von dem ‚Farm’leiter von anderen Besitzern ausgeliehen wird und sie sonst nur auf der Koppel stehen und gar nichts machen. Okanagan Stables existiert nämlich nur im Sommer, im Winter verschwindet der Besitzer Peter nach Mexiko und alle Pferde werden woanders untergebracht. Eine Lebensweise, die ich echt spannend fand, mir jedoch gerade der alkoholisierte Zustand Peters ab dem späteren Nachmittags zusehends auf die Nerven ging. Auch sein Umgang mit Pferden war nicht so, wie man das aus Deutschland gewöhnt ist. Die Pferde werden viel geschlagen, wenn sie nicht parieren und das Schlimmste daran fand ich, dass Peter eigentlich weiß, wie falsch das ist, es jedoch aus Zeitmangel (denn die nächsten Kunden warten ja schon) und Interesse (ab nächstem Jahr geht er eh in Rente) gar nicht anders machen will. Es war schön, mal wieder auf Pferden zu sitzen und richtig Westernreiten zu lernen, doch es war nichts, was ich länger als nötig machen wollte. Das soll jetzt hier nicht zu negativ klingen, da die Zeit auch durchaus schön war und ich auch, von dem Reiten an sich mal abgesehen, viel erlebt habe, wie der Besuch einer Pferdemesse mit abendlichem Rodeo in Armstrong, einige Ausflüge nach Kelowna, Abendessen mit netten Nachbarn, die ersten eigenen Hufschmiederfahrungen und so weiter, und so weiter. Doch ohne meine österreichische WWOOFer-Kollegin Franzi, der es ähnlich erging wie mir und mit der ich mich vom ersten Tag an super verstanden habe, würde mir diese Zeit einfach längst nicht in doch so netter Erinnerung bleiben. Doch nach zwei Wochen war einfach Schluss, die Sachen wurden wieder in den Greyhoundbus gepackt und Franzi und ich zogen beide weiter, da wir netterweise beide auf einer Farm in der Nähe von Merritt (einem 5000Seelen-Dorf) genommen wurden. Nun also WWOOF Farm Nummer 2.Und unterschiedlicher hätte es fast nicht sein können.Das Ehepaar Paul und Dorothy lebt auf einer Märchen-Farm mitten in der Natur, vier Pferde, um die 60 Kühe, drei Hunde, 2 Katzen und viele Hühner. Ein riesiges Haus, da die beiden vier Kinder haben, die jedoch alle nicht mehr zuhause wohnen.Er ist Tierarzt, sie leitet zusammen mit einer ihrer Töchter eine Bäckerei in Merritt. Ein eigenes Zimmer und ein Klo mit fließendem Wasser, schon allein das war zu Beginn für mich der größte Luxus. Die Arbeit in den nächsten drei Wochen war auch anstrengend, jedoch auf eine ganz andere Art und Weise. Auf der Farm haben wir kaum gearbeitet, da wir immer mit den beiden runter in die Stadt gefahren sind. Doch zu so manchem Ritt am Wochenende, etwas Unkraut jäten, Hühner zurück in ihr Gehege werfen und ein paar Kühe zurück auf ihre Weide treiben habe ich es dann auch auf der ‚Burnt Ridge Ranch‘ doch gebracht. Die Brambles Bakery war einfach nur wundervoll: endlich mal wieder gutes Brot, was sich nicht auf eine Größe von einem Zentimeter zusammendrücken lässt, nettes Personal und einfach eine tolle Atmosphäre. Hier arbeitete ich so manchen Tag von morgens halb 9 bis nachmittags um 5, backte, kochte, schnitt Gemüse (schaffe ich inzwischen in Rekordtempo), strich ein paar Wände neu und probierte mich durch Scones, Pies, Rice Crispies… Auch wenn die Arbeitstage lang waren, ich habe diese Bäckerei geliebt. Wurde ich in der Bäckerei nicht gebraucht, war ich mit in Pauls Tierarztpraxis, wo ich jedoch mehr zugeschaut habe, als groß irgendwie helfen konnte. Doch auch diese Arbeit war toll und ich hätte nie gedacht, dass mich die Veterinärmedizin doch so sehr interessiert. Leicht ist der Job jedoch echt nicht, ich war dabei, als zwei Pferde eingeschläfert wurden und die Erinnerung daran jagt mir bis heute einen Schauer über den Rücken. Auch die toten Tiere aus dem Gefrierzimmer zu holen und zum Krematorium zu fahren (denn es wurden ja nicht nur Pferde, sondern natürlich auch echt viele Hunde und Katzen eingeschläfert) gehörte wirklich nicht zu meinen Lieblingsjobs. Aber man lernt dabei einiges, vielleicht, dass es manche OPs es einfach nicht wert sind, wenn das Tier schon sehr alt ist (und hier in Kanada kostet schon allein eine Impfung ein Vermögen), vielleicht auch, dass man manchen Tieren sogar ein Gefallen mit dem Tod tut und sie von viel schlimmeren Schmerzen erlöst. Leicht war es natürlich trotzdem nicht. Da freut man sich schon glatt, wenn ein Hund ’nur‘ eine neue Gelenkhilfe ins Knie operiert bekommt oder man ein totes Schaf auseinandernimmt und auf Todesursache untersucht (denn immerhin war es schon tot!).Die Zeit war unglaublich und ich bin jeden Abend einfach nur todmüde ins Bett gefallen.Obwohl die beiden von morgens bis abends, von Montag bis Samstag (und der Tierarzt auch Sonntag, wenn er angerufen wird) arbeiten, haben wir trotzdem noch einiges anderes erleben können. Ein Filmabend in Merritt (das Dorf an sich ist wirklich nicht der Rede wert, auch wenn es sich selbst zur Countrymusic-Stadt Kanadas ernannt hat), ein Rotary-Abend: The Taste of India, bei dem ich kellnerte und später mit anderen Helfern zu indischer Musik tanzte, eine kleine Wanderung, die schon erwähnten Ausritte, wovon einer über drei Stunden ging und einfach nur genial war und mein erster Besuch eines Yogakurses, zu dem Paul und Dorothy mich mitnahmen. Kann man WWOF 2 mit WWOOF 1 vergleichen? Nein, außer, dass beide auf der gleichen Website zu finden waren, hatten diese zwei Erfahrungen absolut nichts gemeinsam. Wahrscheinlich kann man nicht immer so ein Glück wie ich mit meiner zweiten Farm haben, wäre ich jedoch nicht auf der ersten gewesen, hätte ich Franzi nie kennengelernt und vielleicht auch nicht gelernt, dass man sich an alles gewöhnen kann. Denn auch die Zeit auf der ersten Farm war etwas besonderes, eine Erfahrung, die ich nicht hätte missen wollen. Nach einem traurigen Abschied in Merritt zog ich dann weiter nach Nelson, wo ich wieder auf Tobias (der 4 Wochen auf wieder einer ganz anderen Farm war) traf. Nelson ist bekannt als das Künstler-und Hippiedorf British Columbias, hier gibt es Organicbäckereien, -supermärkte und -cafes statt Fastfoodketten, viele Musikanten auf der Hauptstraße und ein paar ätere wirkende Backsteinhäuschen (da Kanada insgesamt noch so jung ist, findet man nämlich in kaum einem Ort wirklich alt wirkende Gebäude). Morgen geht es dann mit meinem inzwischen verhassten Greyhound runter nach Vancouver, eine 12 Stunden-Tour, da der Bus mal wieder in jedem noch so kleinen Ort hält. :D Und Ende der Woche beginnt mein Trip nach Vancouver Island, auf den ich mich schon sehr freue und sehr gespannt bin, was da mal wieder alles auf mich zukommen wird.

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  • Hannes Holdermann sagt:

    asf

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    Jahre