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In der Wildnis liegt die Erhaltung der Welt.
Henry David Thoreau

Verrückte Landschaften, Verrückte Menschen

„Und jetzt: Anvisieren!“ Er holt aus und der Ball fliegt im hohen Bogen zum Fähnchen. Wenige Zentimeter trennen Ball und Ziel. Schon nicht schlecht. Im Hintergrund der zehnthöchste Berg der Welt – was für ein Ort! Es gibt verrückte Leute und dazu zählt sicherlich auch José Hernandez. Als Mitglied der India Street Golf Association ist er seit nunmehr 30 Jahren Golflehrer für ökologisches Golfspielen, sogenanntes „Eco Golf“. Sein Prinzip: Jeder natürlicher Ort, der flach und ohne Hindernisse ist, kann als Golfplatz verwendet werden. Kein Wasserverbrauch, keine Abholzung, keine Naturzerstörung. Das Konzept scheint erfolgreich zu sein und so ist er mittlerweile in Indien, Nepal, Spanien und Frankreich als Golflehrer tätig. Ja, man muss sicherlich verrückt sein, um solch ein Hobby zum Beruf zu machen. Und noch verrückter, seinen Golfschläger wirklich überall mit hinzunehmen. Und so kam es, dass José auf dem Wandertrack „Annapurna Base Camp“ zu einer kleinen Berühmtheit wurde. Die Meinungen sind dabei sehr gespalten: Von „Manche haben sie doch nicht mehr alle!“ bis hin zu „Was für eine super Sache!“ ist alles zu hören. Doch was treibt überhaupt José und alle anderen Wanderer in dieses Gebiet? Es ist die im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende Landschaft! Der Annapurna wurde mit seinen 8091 Metern erstmals im Jahr 1950 durch französische Bergsteiger bezwungen. Mittlerweile ist das Basis-Camp ein sehr beliebtes Ziel für Reisende. Fünf Tage sind es, die durchschnittlich benötigt werden, um das 4200 Meter hoch gelegene Camp zu erreichen. Fünf Tage Anstrengung, fünf Tage Staunen, fünf Tage Insichgehen. Wer in Kathmandu ankommt, mag erst einmal geschockt sein. Lärm, Dreck, Müll – und das, soweit das Auge reicht. Manch ein erfahrener Asienreisender mag sich in eine indische Großstadt versetzt fühlen. Tatsächlich ist hier das Müllproblem unübersehbar. Die Flüsse und kleinen Rinnsale sind mit einer Schicht aus Müll überzogen. An den Ufern hausen die Ärmsten der Ärmsten unter Wellblech-Dächern. Der in der Luft liegende Gestank beißt in der Lunge. Im krassen Gegensatz dazu steht die umgebende Landschaft: Sobald man die Stadtgrenze überquert, lässt einen das Staunen nicht mehr los: Wilde Flüsse, schroffe Felswände, grüne Wälder. Fährt man durch diese Landschaft von Kathmandu aus, erreicht man nach sieben Stunden Fahrt auf kurvigen Straßen, welche manch einem schon ziemlich auf den Magen schlagen können, die Stadt Pokhara, ein Anziehungspunkt für Touristen. Von hier aus startet eine Vielzahl an Wandertracks, darunter auch der Annapurna Circuit, welcher lange Zeit als der schönste Wanderweg der Welt galt. Mittlerweile sind die Meinungen darüber gespalten, da eine neu gebaute Straße das Bild eines unberührten Wandergebietes zerstört. Uns zieht es jedoch zum Annapurna Base Camp. Von kleinen Örtchen Phedi aus überwindet der Weg über 3000 Höhenmeter und durchquert fast alle Klimazonen dieser Erde. Die Temperaturspanne reicht von 30°C im Tal bis minus 10°C am Endpunkt des Wanderwegs. Neben der atemberaubender Natur ist es auch die Kultur, welche dieses Gebiet so einzigartig macht. Aller circa zwei Stunden durchquert man ein kleines Bergdorf. Manche von diesen wirken so, als wenn sich hier seit hunderten von Jahren nichts verändert habe. Neben den aus Steinen gebauten Häusern bestellen Bauern mit Ochsen die Terrassen, welche mit reiner Körperkraft in den Berg gehauen wurden. Doch andererseits hat sich in vielen Dörfern unglaublich viel gewandelt. Alt und Neu treffen hier so massiv aufeinander, dass es einem die Sprache verschlägt. Durch den mittlerweile recht intensiven Tourismus wurden viele Hotels erreichtet, welche einen überraschend hohen Standard bieten. Einzelzimmer, Doppelzimmer, Gruppenzimmer – alles ist hier möglich, wobei natürlich die kleinen Zimmer nur durch dünne Pressspanplatten voneinander getrennt sind. Es handelt sich also nicht um wahren Luxus, aber überraschenden Wanderluxus, welchen ich in diesem Land so nicht erwartet hätte. Daneben mangelt es auch an allerhand Leckereien nicht. Noch mehr überrascht die vorhandene Elektrizität – während Kathmandu oder Pokhara in der Trockenzeit teils nur für drei Stunden Strom haben, sind die Dörfer entlang des Tracks rund um die Uhr ans Stromnetz angeschlossen. Grund hierfür sind kleine Wasserkraftwerke und Solaranlagen, welche in Zusammenhang mit Entwicklungszusammenarbeits-Projekten entstanden oder durch den Tourismus finanziert werden konnten. Wie ich gehört habe, war das Gebiet bis vor einigen Jahren noch sehr vermüllt. Für das Betreten des Annapurna-Naturschutzgebietes, welches das größte des Landes ist, müssen Touristen 40 Dollar zahlen. Als Grund wird angegeben, dass mit diesen Geldern der Naturschutz gewährleistet wird, also auch die Beseitigung von Müll. Zumindest auf diesem Wanderweg wird das jetzt auch in die Tat umgesetzt. Der Bevölkerung bringt der Tourismus also in diesem Fall viele positive Effekte, wobei natürlich immer die Frage ist, ab wann der Tourismus zu intensiv wird. Aktuell wirkt es jedoch auf mich so, als wenn Mensch und Natur im Einklang leben. So wird nur grüne Energie bezogen und ein weiterer positiver Nebeneffekt ist, dass weniger Feuerholz benötigt wird und der Bevölkerung mehr Zeit für andere Dinge bleibt, zum Beispiel auch für die Bildung. Ich war sehr erstaunt, dass gerade diese abgelegene Region so fortschrittlich ist, dass sogar auf fast der gesamten Strecke Handyempfang vorhanden ist. Doch eins ist wie eh und je: Voran kommt nur, wer läuft. Egal ob Baummaterialien, Essen oder Gepäck von Touristen, welche nicht ihr ganzes Gepäck nach oben tragen möchten – alles muss auf dem Rücken transportiert werden. Die nepalesischen Träger, welche mit oft unter 1,60 Meter sehr klein sind, tragen bis zu 30 Kilogramm ins Base Camp. Dank einer Tragetechnik, bei der das Gewicht auf den Nacken gestützt wird, sind Rückenschädigungen nur selten. Und so trägt auch José sein Gepäck inklusive des Golfschlägers wieder nach unten, um ein unvergessliches Abenteuer zu beenden… 100_0394100_0305100_0261 Für alle Bilder gilt: © Josef Kaiser

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  • Hannes Holdermann sagt:

    asf

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    Jahre